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Montag, 6. April 2015
Temporärer Wechsel in der Wahrheitsfindung
Da ich mich in letzter Zeit wieder überwiegend in meiner Heimat Polen aufzuhalten habe und dort mit für den Wodka heranwachsenden Kartoffeln beschäftigt bin, also mit der Ursprungsart von Kultur, füllt die hier entstandene Lücke des anderen Kulturverständnisses zumindest temporär jener Herr, der ebenfalls in seine Heimat zurückgekehrt ist und der hier bereits einige Male erhebliche Lücken zu füllen gebeten worden war: Didier Calme; er führt sich hiermit selbst ein.

„Gesellschaften, die sich ausschließlich auf die Wahrheit kaprizieren, haben ein gestörtes Verhältnis zum Alkohol.”

Literatur und Alkohol
abgelegt: Interna 219

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Mittwoch, 19. November 2014
Der Tod, der ihm das Lächeln zurückgab

Helium, ein Film von Eché Janga


Er war als Ganoven-, als Gangsterfilm angekündigt. Der Betrachter assoziierte bei diesem Stichwort das schummrige, rosa flitternde Licht in The Killing of a Chinese Bookie von John Cassavetes aus dem Jahr 1976 mit Ben Gazzara in der Hauptrolle. Und dann noch das Stichwort, der Handlungsort Niederlande: Janwillem van de Wetering schlich sich in die Erinnerung ein, dessen komischer, auch im klein- bis großkriminellen Umfeld sozial handelnder Commisaris dem Leser ein für damalige normalsterbliche, nicht unbedingt Coffeeshops (auf-)suchende Reisende in der Regel völlig unbekanntes, von keinem Tourismus berührtes Amsterdam beschrieb: abgelegene, sich von anderen europäischen Städten kaum unterscheidende Wohngegenden, in denen es selbstverständlich ebenfalls Mord und Totschlag gab.

Die große Stadt der Provinz Nordholland, in der der Titelheld Frans (Hans Dagelet) gemeinsam mit anderen seine nicht eben den Strafgesetzen gemäßen Geschäfte betreibt, kommt in der Trostlosigkeit seiner Ränder denn auch bald ins Bild: spätherbstliche Nacht, mehrspurige, feuchte, leere, dennoch mehr oder minder hell erleuchtete Straßen, Andeutungen von irgendwelchen Verhandlungs- und Verabschiedungsgesprächen, in knappen Worten, die keiner deutschen oder englischen Untertitelung bedürften. Doch dann ein Bilderreiz, der denjenigen einnimmt, der diese ohnehin beeindruckende Landschaft gut zu kennen meint, die er aber in solcher Genauigkeit oder besser vielleicht in derartig poetischer Stille noch nie betrachtet hat: das Wattenmeer mit seinen in diesem Bereich von der offenen See unbeeinflußten, selbst zu dieser Jahreszeit geruhsam anrollenden Wogen während des Niedrigwassers, auch Ebbe genannt. Der Chef der offensichtlich nicht allzu umfangreichen Ganoventruppe nimmt eine Auszeit in Texel, op nederlands Tessel und auch so, wie mit scharfem Doppel-Eszett, ausgesprochen, der größten der westfriesischen Inseln, die lange bevor die anderen dort liegenden Eilande an der Nordsee verkehrsberuhigt, gar autofrei und für den Tourismus liebreizend aufbereitet wurden, durch erste Hochhäuser und autobahnähnliche Einflugschneisen auffiel, ausgerechnet dorthin flieht er. Es ist nicht genau auszumachen, vor wem er Ausreiß nimmt, die ohnehin knappen Dialoge ergehen sich in Andeutungen. Eines scheint jedoch deutlich: Frans befindet sich auf der Flucht, vor was oder wem auch immer. Vor sich selbst?

Es herrscht eine geradezu niederdrückende Tristesse auf der ganz im Westen Frieslands gelegenen Insel, die zur sommerlichen Ferienzeit so überbevölkert ist wie alle anderen dieser Freizeitgeographien. Aber nachdem die letzten Blätter in Endfärbung fast moderbraun von den Bäumen gefallen sind, ist es ein Ort, zu dem allein der ohnehin depressiv Veranlagte noch Wohlgefühle zu entwickeln vermag; möglicherweise im Sinne Friedrich Nietzsches, der es beruhigend fand, wenigstens an den Tod denken zu dürfen. Außer den drei Urlaubern, die ihre im Übermaß freie Zeit in einem fein ausgestatteten Haus sowie einer minimal menschenbelebten Sauna mit Schwimmbad vertändeln und sich aus lauter Langeweile sogar einen alten Leuchtturm anschauen, ist ansonsten nirgendwo ein Mensch zu sehen in dieser von leerstehenden Gebäuden und breiten Zufahrtsstraßen beherrschten Landschaft. Hier möchtest du, meint einer der beiden rangtieferen Begleiter oder auch Leibwächter zu Frans, auch im Sommer nicht sein. Es geschieht quasi nichts. Erwähnenswert sind eigentlich lediglich die Nigerianer, von denen zwischendurch immer wieder mal die Rede ist. Die kommen schließlich auch auf die Insel, dann fährt ein Motorrad an die Seite des Autos, in dem sie sitzen, und dann sind sie tot, erschossen. Diese Szene des Films dauert kaum länger als zwei Minuten. Ansonsten weilt die Länge. Selbst dann, nachdem die drei Texel wieder verlassen haben und aufs Festland, in die große Stadt zurückgekehrt sind. Das Spannendste der Handlung scheint noch der Umzug von Frans zu sein, und vielleicht der Besuch im Zoo von Amsterdam.

Und dieses scheinbar Langweilige erzeugt tatsächlich eine ungemeine Spannung, hergestellt durch Bilder, die für heutige, schnellschnittige Kinozeiten ungewöhnlich lang anhaltend stehen, ob auf Landschaften oder Gesichtern, außergewöhnliche Aufnahmen, die Gemälde in Erinnerung rufen, derentwegen man immer wieder ins Museum geht, um sie eines Erkenntnisgewinns willen immer wieder aufs neue zu betrachten. Helium* ist vor allem aber angefüllt von zwar angedeuteter, aber um so drastischerer Symbolik, die Sinn- und Seinsfragen abhandelt, die nunmal auch am Ende eines Ganovenlebens von entscheidender Bedeutung sein müssen; ob die eigene Endlichkeit bereits in jüngeren Jahren in Erwägung gezogen worden ist oder erst im Endstadium, das bleibt der Phantasie des Kinogängers überlassen.

Der sieht: vor allem eine offenbar seit langem anhaltende Ödnis, die möglicherweise lediglich allein durch das aufregende Leben eines Gesetzlosen Abwechslung erfährt und die nun wieder in sich zurückmündet. Der Filmbetrachter rätselt anfänglich über die etwa ab der Mitte des Films immer wieder thematisierte Maus, die Frans in seiner neuen Wohnung rattengroß gesichtet hatte; die neue Umgebung mag auf den Versuch eines zweiten Anfangs des Lebens hindeuten. Die Maus liegt dann in einer überaus langen Einstellung, die Gedanken über den Tod nachgerade herausfordert, tot vor dem noblen Sofa – erlegt von einer Katze, die ein Glöckchen um den Hals trug. Frans war sie von der Ehefrau des engeren Mitstreiters, dem bulligen, einen Boxertypus assoziierenden John (Manou Kersting), zu dem er, wie auch zu dem aus Surinam stammenden, intellektuell wirkenden Elias (Poal Cairo), durchaus freundschaftliche Beziehungen unterhält, was szenisch immer wieder dargestellt wird, leihweise zur Verfügung gestellt worden. Dabei hatte die sich ihm gegenüber noch kurz zuvor als nicht eben allzu freundlich gesinnt gezeigt. Kaum etwas deutet auf die tierpsychologische Theorie hin, nach der ein solcher getöteter Kleinnager ein Beleg dafür sein soll, der Beschenkte gehöre fortan zur Familie der Katze. Der Betrachter assoziiert: Die tote Maus war ein Auftragsmord, der tierische Täter hat den Ort der Bluttat wieder verlassen, ward jedenfalls nie wieder gesehen.

Zuvor steht Frans mit dem Rücken zum Zuschauer im begehbaren Ankleideraum vor dem Wandschrank und bewegt die Schiebetür beinahe hospitalistisch mit zwei Fingern der rechten Hand hin und her, als ob er unschlüssig sei, tatsächlich am Ende angekommen zu sein. Als er aus dem Haus gehen möchte und deshalb die braunen (Maß-)Schuhe anzieht, die Schnürsenkel festziehen will, reißt das Band. Er zieht die braunen ohne Halt wieder aus und die vor kurzem gekauften, gestalterisch beinahe identischen, aber nun schwarzen an. Aus einem der achtlos zur Seite gelegten Schuhe rieselt Sand, gleich dem einer Uhr; es mag der der Nordseeinsel Texel gewesen sein, auf der bereits für die Nigerianer die Zeit abgelaufen war. Mit seinem siebzehnjährigen Sohn besucht Frans den zoologischen Garten, beobachtet, wie dem einen Löwen von einem anderen die Beute streitig gemacht und weggenommen wird. In der Gefangenschaft des Zoos vegetiert auch der Silberrücken, von dem sich das Weibchen mit einem Jungen auf dem Rücken entfernt. Der Mensch im Kino nimmt auch jetzt im Gesicht des außerordentlich ausdrucksstarken Hauptdarstellers ein immer wieder kurzes, geradezu erlöst um das Ende wissendes Lächeln, aber eben auch die sofort danach wieder einsetzende unendliche Einsamkeit, hier gespiegelt im Angesicht des Primaten.

Des primären Ganoven Geschichte hat denn auch ein Ende. Es kommt so scheinbar unerwähnenswert daher wie nahezu alle dieser Einstellungen, die allesamt Stoff für einen jeweiligen Kurzfilm hergäben. Er geht nächtens hinaus, setzt sich ins edle Auto, wie alle anderen Fahrzeuge im Film bzw. der Umgebung dieser sogenannten Halbwelt angemessen, an deren Oberfläche allein das dezent Teuerste Wert vermittelt und Zusammenhalt bietet, selbstverständlich ein SUV der noblen Marken. Vor den Wischerblättern, die in des Herbstes stürmischem Regen keine Klarsicht zu schaffen in der Lage sind, verschwimmt die Szenerie gänzlich. Zwei Gestalten sind schemenhaft zu erkennen, sie könnten Waffen in den Händen halten. Dann kippt Frans am Volant zur Seite. Er ist sozusagen mausetot. Der alternde Suizidant – Jean Améry unterschied in seinem Buch Hand an sich legen zwischen ihm und dem Suizidär, der lediglich um Hilfe ruft, und eben dem, der die Todessehnsucht ein Leben lang in sich trägt und es schließlich selbst vollendet – scheint sich seine Katzen geordert zu haben. Die gesamte Szene wirkt wie ein zum Ende eines Films einfrierendes Bild. Und tatsächlich setzt der Abspann ein.

Der ältere Filmbeobachter hätte ohne eine Sekunde Langeweile gerne noch eine lange Weile dabei zugeschaut, wie der jüngere, 1978 geborene und zugleich altersweise Eché Janga in bisweilen end-, präziser: zeitlosen Einstellungen Abläufe und Charaktere zeigt, deren Gesichter auch in kürzeren Bildpassagen Lebensläufe unterschiedlicher Ethnien bieten, die sich in den Niederlanden zusammengefunden und einander gekreuzt haben. Selbst in den äußerst knappen Dialogen blitzen sie immer wieder zwischen den bildnerisch ohnehin ungemein narrativen Zeilen auf, die Schwierigkeiten, mit denen die aus und mit den Kolonien lebenden Niederlande trotz aller Integration, besser Assimilation nach wie vor zu kämpfen haben. Vor allem Surinam, das nördlich Brasiliens am lateinamerikanischen Atlantik gelegene Land, das erst 1975 unabhängig wurde, spielt in diesem Film eine bedeutende, wenn auch, wie filmisch insgesamt, scheinbar nebensächliche Rolle. Es handelt sich also weniger um einen Gangster- oder Ganovenfilm als um ein eigenes, wie neu erdachtes und umgesetztes Genre, quasi das wiedererfundene Rad: allein über Bilder erzeugtes Kino, hier von außergewöhnlicher Atmosphäre – die zu Gedanken über das in letzter Zeit immer virulentere Thema anregen: über den Freitod, der einem das Lächeln zurückgibt.


*Das unmittelbar nach dem Urknall im Universum entstandene Edelgas Helium ist an sich ungiftig. Dennoch wird davor gewarnt, es einzuatmen, da es die Atemluft verdrängt. Orientierungsschwierigkeiten und Bewußtseinsverlust bis hin zum Tod sind die häufigsten Symptome. Opfer bemerken den Erstickungsvorgang kaum bis überhaupt nicht.

Didier Calme

Darsteller:
Hans Dagelet (Frans Weeling)
Manou Kersting (John Verkerk)
Poal Cairo (Elias Wattimena)
Dennis Rudge (Henk Coutinho)

Regie: Eché Janga
Buch: Sammy Reynaert
Kamera: Tibor Dingelstad
Schnitt: Axel Skovdal Roelofs
Musik: Christiaan Verbeek
Produzent: Frans van Gestel, Arnold Heslenfeld
abgelegt: Film 232

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Montag, 17. November 2014
Alle Katzen sind grau

In letzter Zeit ist in den Industrienationen, der sogenannten modernen Gesellschaft vermehrt die Rede davon, Kinder würden sich von ihren Eltern lossagen. Die familiaren Generationen sind nicht mehr verschweißt wie noch vor einigen Jahren. Die sogenannte Blutsverwandtschaft verliert zunehmend ihre Bedeutung, die des Geistes oder auch der Seele nimmt immer häufiger deren Stelle ein. Dennoch sind zunehmend Menschen auf der Suche nach ihren verwandtschaftlichen Wurzeln, seit etwa fünfzehn Jahren ist die Zahl derer, die Ahnenforschung betreiben, enorm angestiegen.

Auffällig ist die Suche nach Vätern. Die Suchenden dürften in der Regel diejenigen sein, die adoptiert wurden oder aus einem wiederholten, häufig zweiten oder gar dritten Versuch hervorgegangen, die Ehe als Institution zu leben. Auch die Patchwork-, die Flickenteppich-Familie dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen, oftmals ist dabei die Liebe unter- , die sogenannte Vernunft übergeordnet. In der Regel sind es sehr junge Menschen, häufig diejenigen, bei denen die Pubertät die ersten eigenen Gedanken ingang setzt, die sich von den elterlichen Vorgaben, von familiaren Ritualen lösen.

Die Belgierin Savina Dellicour thematisiert das mit ihrem Erstling Tous les chats sont gris, zu deutsch Alle Katzen sind grau. Es ist eine typisch französische Umgebung – die Handlung ist in der Wallonie angesiedelt – des Mittelstandes, die Charaktere wie auch ihre Darsteller entsprechend vorgegeben. Gezeigt wird eine wenig an- oder gar aufregende Atmosphäre gehobener, eben letztendlich biederer Bürgerlichkeit. Ein Teil von Uccle, wo die Regiseurin Dellicour aufgewachsen ist, ist geprägt von Häusern neureicher Architekturcharakteristik auf parkähnlichen Anwesen. Er: Chefarzt der Gynäkologie, sie: Immobilienmaklerin in den Anfängen, ein Symbol wohl für einen Neubeginn eines Paares, dessen Beziehung verflacht ist, mit zwei Kindern, ein fünfzehnjähriges und ein acht Jahre jüngeres Mädchen.

Die Fünfzehnjährige und deren Freundin versuchen, nun, nicht gerade auszubrechen, aber sich Abwechslung vom drögen Alltag zu verschaffen. Ziel ist häufig ein Platz, auf dem etwa gleichaltrige Jungen sich in der Artistik des Skateboards ausprobieren, sich alle möglichen Mittelchen reinziehen und die beiden Freundinnen dazu ebenfalls zu animieren trachten. Doch die hören lieber ältere Töne, etwa The Cure. Einen Mann an die Fünfzig entdecken sie, der in einem nicht mehr allerneuesten BMW sitzend Musik der Siebziger hört und aus ihm heraus photographiert. Sie sprechen ihn an, bespötteln ihn als einen Pädophilen (vor etwa zwanzig Jahren befand sich Belgien diesbezüglich extrem im medialen Gerede, und das scheint hier nachzuklingen). Er versucht sich herauszureden, indem er darauf hinweist, er verfolge als beauftragter Privatdetektiv einen Mann, der seine Frau betrüge. Tatsächlich lichtet er eine der beiden jungen Frauen ab, seine Tochter Dorothy, zu der er gerne bewussten, eben väterlichen Kontakt hätte. Doch der ist ihm seitens der Mutter strengstens untersagt. Die will die Idylle nicht gestört wissen, auch oder gerade deshalb, weil sie ahnt, dass ihre Tochter die Erzeugerschaft des Familienoberhauptes anzweifelt. Doch von dem, dem Chefarztgynäkologen, hat der Teenager ohnehin keine allzu hohe Meinung,: „Manchmal“, gibt sie in einem Gespräch gelangweilt zum besten, „erzählt er ganz lustige Geschichten von Geburten.“

Die beiden Freundinnen suchen den Detektiv Paul zu Hause auf und schwindeln ihm vor, sie recherchierten für eine Schulaufgabe über interessante Berufe. Letztendlich läuft es darauf hinaus, er, der vermeintliche Vater, solle sich auf die Suche nach dem richtigen Vater von Dorothy machen. Noch einmal versucht Paul die Frau, mit der er eine Affaire hatte, aus der Dorothy hervorging, davon zu überzeugen, ihm den Kontakt mit ihr zu ermöglichen. Vehement lehnt die Mutter des Mädchens dieses Ansinnen ab. Es sei nichts als ein kurzzeitiges Vergnügen gewesen, und Dorothy habe nun mal einen Vater. Basta.

Detektiv Paul will dennoch, wohl im Vorhaben, um seine Anerkennung als Vater zu kämpfen, einen Beweis seiner Erzeugerschaft erbringen und gibt einen DNA-Test in Auftrag. Es stellt sich heraus, daß er gar nicht der Vater des Mädchens sein kann. Er ist selbst enttäuscht, teilt es Dorothy dennoch mit, die aufgrund eigener Nachforschungen in Form eines Einbruchs in seine Wohnung davon überzeugt war, in ihm ihren Vater gefunden zu haben. Bedauernd äußert sie: Schade, ihn hätte sie gerne als Vater gehabt.

Paul geht in seinen Recherchen allerdings noch einen Schritt weiter. Seine Untersuchungen ergeben, dass mehrere Männer als Väter infrage kämen, er findet gar den einen heraus. Dorothy ist maßlos enttäuscht und droht in einer Diskothek unterzugehen, abgefüllt mit Alkohol und Drogen, wie damals ihre Mutter, als sie die noch nicht war. Paul macht sich auf die Suche nach dem Mädchen, findet es schließlich, bringt es zu sich nach Hause, verständigt die Mutter, die sich im Anschluss ihrer Tochter zu erklären versucht. Die habe seinerzeit auf einer Party nicht nur mit Paul Verkehr gehabt. Der habe die in jeder Hinsicht ziemlich berauschende Fête bereits verlassen, und die dann werdende Mama hatte sich noch mit einigen anderen Männern verlustiert. Der biologische Vater, den Paul herausgefunden hatte, ist ihr völlig unbekannt, sogar dessen Namen hat sie noch nie gehört.

Die Schlusssequenz des Films: Der ursprünglich vermeintliche Papa und die ursprünglich vermeintliche Tochter fahren gemeinsam im nicht allerneuesten BMW, die Stimmung wird immer gelöster, aus dem Lächeln wird ein einträchtiges fröhliches Lachen. Ein Happy End: Nicht die Bluts-, sondern die Geistesverwandtschaft ist entscheidend, es zählt die Freundschaft.

Es handelt sich um einen dieser stilleren – von der zwischenzeitlich sehr lauten Musik abgesehen, die allerdings durchaus die Parallelen zwischen der einen wie der nächsten Generation symbolisiert –, typisch französischen, hier eben wallonischen Filme, die cineastisch zwischen den Zeilen philosophieren. Dennoch drängt sich nicht unbedingt ein Eric Rohmer auf, dessen Narrationen vielen Kinogängern allzu dialoglastig sind. Dieser Film ist von einer eigenen, ausgesprochen zeitgenössischen Art, mit der Savina Dellicour gesellschaftliche Fragen passagenweise ausgesprochen kurzweilig abhandelt, die zwar seit Langem existieren, aber erst in jüngerer Zeit verstärkt aufgeworfen wurden. Action findet keine statt, wobei es durchaus turbulent zugeht in Tous les chats sont gris, Alle Katzen sind grau spielt unterhaltsam mit Rhythmenwechseln, ist durchsetzt von feinem Humor, mit manchem Witz, der zwischendurch im Publikum fröhliche Lacher auch von jüngeren Stimmen hervorruft, möglicherweise bedingt durch die Ahnung eines Alltäglichen, das erst noch auf sie zukommen wird.

Didier Calme


Tous les chats sont gris
Regie: Savina Dellicour
Belgien 2014
Darsteller:
Manon Capelle
Anne Coesens
Dune de Braconier
Danièle Denie
Alain Eloy
Bouli Lanners
Aisleen McLafferty
Jacques Picron
Benoît Verhaert
Alexandre von Sivers
abgelegt: Film 255

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