pixel Kopfvögelei: Buchteln im Beisl
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Sonntag, 17. August 2014
Buchteln im Beisl
Österreich, vernahm ich gestern, nicht etwa über den weanerischen Standard, sondern über die deutsche Welt, wehre sich heftig den Verlust seiner Sprache. „Servus“ statt „Tschüß“, „Marille“ statt „Aprikose“ und „Sackerl“ statt „Tüte“ – „Österreich kämpft für den Erhalt des österreichischen Deutschen“, hieß es in dem preußischen Kampfblatt.

Diese Problematik wurde bereits 1993 in einer seit etwa zwanzig Jahren verblichenen Postille erörtert, die in den Archivräumen des Hauses Wildkind einbalsamiert und aufgebahrt wurde wie weiland Stalin und Lenin. Dort im Südhessischen, wo man die Gründung eines Frankenreiches unter völlig neuer bzw. politisch korrekter im Sinne althergebrachter Grenzziehung anstrebt, lüftete man freundlicherweise den Deckel dieses Scheewittchensarges und ließ die Sprachseele frei, die nun hiermit dialektisch über uns schwebt. Unter der Überschrift Warum die Österreicher nicht in die EG wollen war seinerzeit angemerkt worden:

„Wie gemeinhin bekannt ist, hat das, was oftmals fälschlich «leibliches Wohl» genannt wird, innerhalb Europas und lange bevor man innerhalb Europas an Europa dachte, ein Europa gebildet, das in jeder Hinsicht seinesgleichen sucht. Kein türkischer, französischer, italienischer, spanischer, griechischer, portugiesischer, dänischer Nebenerwerbs-gastronom, der es nicht geschafft hätte, im mitteleuropäischen Land der unbegrenzten Möglichkeiten die aus der Heimat mitgebrachten Rezepte so zu nivellieren, daß die Deutschen nicht auch hier ihren (immer friedlichen!) Okkupationsgelüsten hätten Geltung verschaffen können. Das beste Beispiel dafür ist die allseits so geliebte Küche chinesisch-thailändisch-vietnamesisch-koreanisch-taiwanesischer-et-cetera Provenienz. Sogar der japanische Meister des flinken Messers hat begriffen, daß er dem deutschen Gourmet innerhalb seines geliebten Sushi das Walfleisch als Clupea pallasii offerieren muß, um nicht Gefahr zu laufen, nach Hause ins Asyl geschickt zu werden (aber da er dort gerade ausgewiesen worden ist, weil er mehrere Kugelfische falsch tranchiert hat, will er dorthin sobald nicht wieder zurück, weshalb auch er tunlichst die deutsch-europäische Variante der gastronomischen Einheit pflegt).

Kurzum, die vereinte international-industrielle Großküchenallianz hat sich darauf spezialisiert, mittel-europäisch zu werden, das zu entsenden und zusammenzukochen, was den deutschen Gaumen kitzelt – die meisten Ingredienzien würde der Absender vermutlich nicht mal seinem Hund zum Fraß vorwerfen, weil der nämlich dann nicht mehr schmecken würde.

Selbstverständlich machen das die Österreicher genauso. Auch sie möchten ja, wie laut und vernehmlich zu vernehmen war, sich hineinsetzen in die vermeintliche riesengroße Buttercremetorte EG – hergestellt aus Zutaten, die, wie uns vor einigen Monaten via Zeitmagazin vermittelt wurde, Wege gehen, gegen die sich die von Christoph Columbus und Vasco da Gama wie Wochenendausflüge ausnehmen. – Aber nun, ach! Da stellen doch diese Brüsseler Spitzen-Bürokraten eine Bedingung – die nämlich, daß die Namen und Begriffe der Produkte, die in den EG-Handel gelangen sollen, zu vereinheitlichen sind.

Ratlosigkeit, Empörung, ja Wut sind zu vernehmen aus Judenburg, Deutschlandsberg, Saalbach-Hinterglemm, Wörgl oder Vöcklabruck. Sie wollen auch in Zukunft, so versichert der oberösterreichische Gastronom mit oberbayerischer (sic!) Depandance, Arthur Tuschak, auch weiterhin ihre pfleglichst, durchaus auch mit internationalen Chemikalien behandelten und verarbeiteten Produkte mit einheimischen Bezeichnungen deklarieren.

Wir haben größtes Verständnis dafür, weshalb wir im folgenden auflisten, was den EG-Europäern, aber auch den am Rande Dahinsiechenden entgeht, wenn man den Österreichern nicht das zugesteht, was z. B. Dänen oder Engländern längst zugestanden wurde – zumindest die eigene Sprache.

Beisl = Gasthaus – Buchteln = Dampfnudeln – Erdäpfeln = Kartoffeln – Faschierts = Hackfleisch – Fleckerln = Nudeln – Galatsche = Hefestückchen – Germ = Hefe – Gspritzter = Weinschorle – Guglhupf = Napfkuchen – Karfiol = Blumenkohl – Klacheln = Schweinehaxe – Kranawittbeern = Wacholderbeeren – Kukuruz = Mais – Marillen = Aprikosen – Maronen = Eßkastanien – Obers = Sahne – Palatschinken = Pfannkuchen – Paradeiser = Tomaten – Powidl = Pflaumenmus – Reindling = Pfanne – Ribisl = Johannisbeere – Salonbeuscherl = Lungenhaschée – Schanegarten = Biergarten – Scheiterhaufen = Auflauf – Schwedenbombe = Mohrenkopf – Sterz = Gries – Tirteln = Tasche(n) – Topfen = Quark – Vogerlsalat = Feldsalat.“

Mahlzeit.
abgelegt: Sprachküchenlatein 527

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Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei uns sagt man Stelze (im Ganzen) und Reindl (nicht Reindling).
Tirtel kennt nicht einmal das Ostarrichi - oftmals werden aber als "österreichische" Wörter auch Dialektwörter genommen, die es nur regional gibt (zB Roabeer).

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Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in Kärnten ein Gugelhupf. A Reindl hingegen ist eine Pfanne. Hast eh schon gschriebn.

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Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein zu tun hat, abgesehen von dem Lehrling, der möglicherweise paar kassiert : ))

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Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden? Und warum sollen wir Österreicher uns einem EU-Deutsch unterwerfen, das sich ausschließlich aus Begriffen und Worten aus Deutschland zusammensetzt? Und stellen Sie sich nur vor, abgesehen von regionalen und dialektbedingten Bezeichnungen, wir Österreicher sprechen und schreiben ein hervorragendes Hochdeutsch nicht nur miteinander...........

Die Galatschen heißen korrekt Golatschen und kommen wie vieles in der Wiener Küche aus dem nahemn Böhmen und Mähren. Klacheln bezeichnen nicht die Schweinshaxen, sondern eine Suppeneinlage, aus Teilen der Schwate und des Kopfes (Rind und Schwein) die durch hohen Gelatineanteil "herumklacheln", also rutschen. In Deutschen Landen würde man dazu "glibbern" sagen.. Wohingegen in Österreich eine Schweinshaxe üblicherweise eine Stelze ist, wie Freundin Sid schon erwähnte.
Fleckerln sind keine Nudeln, sondern breitere Nudelteigstücke, Powidl ist kein Pflaumenmus, sondern stark eingekochte, feinst passierte Zwetschgen, Der Schanegarten ist ein Schanigarten und ein Sterz ist eine gekochte Mahlzeit, die aus Kukuruz oder einem anderen Getreide sein kann, ach ja, eine Schwedenbombe ist eine Schwedenbombe und ein Mohrenkopf ist eine Mehlspeis aus einem halbierten Krapfen, gefüllt mit Vanillepudding oder Schlagobers und mit Schokolade überzogen.

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Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige Autor. Er hatte sich gänzlich auf einen oberösterreichen Koch verlassen bzw. lediglich dessen Äußerungen aus den neunziger Jahren zitiert.

Auslöser des Sammelsuriums waren seinerzeit die Bestrebungen seitens der europischen Vereinheitlicher, regionale Begriffe aus dem Bereich der Lebensmittel in den Abfall zu befördern, um die Märkte nicht mit einer derart übermächtigen Vielfalt zu belasten. Inwieweit sich die für Österreich typischen Bezeichnungen auch innerhalb Europas erhalten konnten bzw. durchgesetzt haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

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@wuhei
Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat mich seit Tagen gestört.
Ja, Sterz kann auch aus Buchweizen, Erdäpfeln oder Bohnen sein. Das haben wir erst diese Woche wegen einer Bulgur-Diskussion quasi am Tisch gehabt : )

@petrusdrygalski
Bitte - nicht doch und wieder mal was über unsere Sprachgewohnheiten schreiben. Die gehen leider eh viel zu sehr durch das zu dominierende Deutsch-Sprech verloren.

Heute hab dafür ich gelernt, daß wir wohl doch nicht zu allem Marmelade sagen dürfen (was nicht aus Orangen besteht, werd das aber weiterhin tun).

Ich habe vor paar Wochen aus einem Magazin (das ich persönlich nicht mag) eine Liste bekommen, mit quasi 100 (oder waren es mehr?) österreichischen Wörtern, die quasi vom Aussterben bedrohnt sind. Da sind aber sicher auch paar regionale Spezialitäten dabei, die sicher nicht im ganzen Land verstanden werden.
Wenn Sie Interesse am Artikel haben, kann ich mal schauen, daß ich den eingescannt bekomm.

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Diesen Link wollte ich seit Monaten hier lassen.
Jetzt kann ich ihn aus meiner Liste schmeißen : )

Beim Lesen nicht vergessen - ist nur noch ein Boulevardblatt und die Schmierfinken dort nicht immer sehr erleuchtet.

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Diesen Link wollte ich seit Monaten hier lassen. Jetzt...
by sid (2015.01.20, 01:46)
Spät, aber immerhin
komme ich hier wieder rein. Da sind wir wohl eins....
by petrusdrygalski (2014.11.08, 18:18)
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Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen...
by wuhei (2014.11.01, 10:40)
Danke, danke, danke,...
Danke, danke, danke, etwas langatmig, aber durchaus...
by wuhei (2014.09.09, 11:12)
@wuhei Hihi - sehr schön....
@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat...
by sid (2014.09.07, 00:49)
Der Autor,
Didier Calme, ist vor Absch(l)uß des zweiten...
by petrusdrygalski (2014.09.06, 19:38)
Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige...
by petrusdrygalski (2014.08.27, 11:55)
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