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Samstag, 6. September 2014
petrusdrygalski
19:08h
Spezialisiert auf das Nichtspezialisiertsein. (Arnold Gehlen)
![]() »fort mit dem schritt« – tomas schmit Revue Rendez-vous. Ein Korrespondenzstück. Fluxus, was das denn überhaupt sei, fragte in einer städtischen Kunsthalle während einer sich um die Moderne drehenden Gesprächsrunde unlängst eine Mittdreißigerin. Unter dem überwiegend jüngeren Publikum herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Da meldete sich wie aus dem Jenseitigen die Stimme eines Präachtundsechzigers, die klang wie die des Fluxers Robert Watts: »Das Wichtigste an Fluxus ist, daß niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen.« Des Geistes Stimme ergänzte noch: Er sehe Fluxus, wo er auch hingehe. Das könnte zum Beispiel der am Straßenrand installierte digitale Großbildschirm sein, auf dem Partnerschaftsvermittler um die Gunst von Kunden buhlen, indem sie Heraklits in Kontaktanzeigen gerne verknappt zitierte Feststellung Pantha rei oder auch Alles fließt zuhilfe nehmen. Fluxus persifliert allerdings weniger den schnöden Alltag, als daß diese Gattung zeitloser interdisziplinärer Kunst direkt auf den bisweilen bitteren Ernst des Lebens verweist. Die Epoche der Romantik schwingt dabei mit: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Den Romantikern zuzuordnen ist auch der in den politisierten und polarisierenden Zeiten der Achtundsechziger geradezu verfemte BegriffL'art pour l'art. In der Übertragung ins Deutsche kam der häufig mißverständlich an, da ihm mangels historischer Differenzierung allein die Bedeutung einer Kunst um der Kunst willen zugeschrieben worden war. Den damit unverbrüchlichen Zusammenhang mit dem Leben klammerten die politisierten Interpretatoren einfach aus. 1993 erschien im Laubacher Feuilleton, einer nach fünfjährigem Erscheinen 1996 eingestellten Vierteljahreszeitung, ein Aufsatz titels Die Gemeinschaft der Künstler und die Gemeinschaftsarbeiten in den Künsten. Autor war S. D. Sauerbier, der von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2007 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter anderem Wahrnehmungstheorie sowie die Lehre von den Zeichen, die Semiologie, unterrichtete. Mit Auslöser dieses Essays war die seinerzeit heftig aufflammende Diskussion um ein geeintes, vereintes Europa. Zuvor war die Mauer zum Ostblock gefallen, während man in Südspanien nahezu gleichzeitig einen neuen Wall zu errichten begann, hier gegen vermeintliche Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika. Zeitgleich wurde die Globalisierung – wahrhaftig nicht die erste dieser Erde, aber wohl die zum erstenmal tatsächlich, weil in den wirschaftlichen Folgen auch für den den einzelnen Arbeitnehmer deutlich spürbare, auch für den sogenannten Otto Normalverbraucher exorbitant wahrgenommene – bzw. deren Expansionstreiben heftig debattiert; daß es sich dabei lediglich um eine neuerliche internationale Vereinheitlichung des Mehrwertgedankens handelte, wurde weniger erörtert. Sauerbier führte, gleichwohl in einer für die Zeit und diese Art typischen ironischen oder auch teilweise polemisierenden Diktion, den Nachweis, innerhalb der Künstler habe sich eine solche Gemeinschaft längst formiert, dabei allerdings ohne jedes wirtschaftliche Bestreben; der sich seinerzeit entwickelnde, ab den achtziger Jahren über die Ufer tretende, ähnlich den Finanzgeschäften kaum mehr zu kanalisierende Kunstmarkt wurde ausgeklammert, als schlichtweg nicht existent erachtet. »Hier bin ich Mensch?« zweifelte Sauerbier vor gut zwei Jahrzehnten, an der nordafrikanischen Küste sitzend, gen Europa blickend. »Dieselben Kulturbürger und -träger regen sich unziemlich über Muslime im eigenen Land auf, über verschleierte Frauen: ›Die haben sich gefälligst anzupassen!‹ Sie tragen ihre nackten, schwangeren Bierbäuche spazieren und lassen am Strand ihre Busen baumeln. ›Hier bin ich! Mensch!‹ [...] Da doch schon unsere Ziffern, Bezeichnungen wie Alkohol oder Alchimie arabischen Ursprungs sind, haben es aber die Ölscheichs in Kuweit und in Libyen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten versäumt, uns mit neuerer arabischer und islamischer Kultur vertraut zu machen. Die Scheichs besitzen riesige Anteile an unserer Wirtschaft – nehmen aber keinen Anteil an unserem kulturellen Volksvermögen mehr. [...] ›Die Hölle – das sind die anderen‹, heißt es bei Jean Paul Sartre. Doch soll uns das nicht als Ablaßspruch dienen. Einwohner der BRD als Nachfolgestaat der Schutzmacht des faschistischen Ustascha-Regimes – diffamiert man Deutsche heute von der anderen Seite. [...] Nation Europa hieß eine rechtsextreme Zeitschrift, unverschämt kryptofaschistisch. Ich erinnere mich an eine Kritik der II. documenta – als wenn in Kassel ›entartete Kunst‹ ausgestellt worden wäre! Sollte denn eine solche Ideologie die Zukunft Europas bestimmen?! Ende der fünfziger Jahre gab es allerdings auch andere ideologische Positionen zu Europa. Auf dem Programm stand nicht gerade der common nonsense und das ungesunde Volksempfinden der Abendländler. Durchdringung und Aneignung von Kulturen führten zu Internationalismus und zugleich Regionalismus. Konkrete Poesie in Schwyzerdütsch und Lautgedichte in Wiener Mundart, heute Rockpoesie auf Kölsch ... Das Zusammenfließen sehr unterschiedlicher Strömungen zeigte sich in Übertragungen, Verknüpfungen und Anschlüssen von Kontexten. Nach dem Niedergang des internationalen Stils, nach der Reise in die Innerlichkeit kam es Ende der fünfziger Jahre zu verstärkter Hinwendung zur sozialen Realität. Eine veränderte Auffassung von Wirklichkeit war festzustellen bei Nouveau Réalisme, Zero, Fluxus, Pop art, Konkreter Kunst, Conceptual art ... Damit sind nun gar keine gegeneinander abgeschotteten ›Firmen‹ markiert, wo die Künstler liberale Kumpaneien, ›Banden‹, bildeten. [...]« Auf den wechselseitigen Austausch unter Künstlern verweist SDS, wie er zu und aus Zeiten der sozialrevolutionären Jahre des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes logischer- oder auch konsequenterweise fortan genannt wurde, der finde heute, damit ist 1993 gemeint (!), so selten statt – der Markt isoliere die Künstler. Und das tut er rund zwanzig Jahre danach noch sehr viel erheblicher; Willi Bongards seinerzeitige, im Wirtschaftsmagazins Capital seit 1970 umgesetzte Erfindung Kunstkompaß, einer Art jährlicher Hitparade oder auch neuerdeutsch Ranking der weltweit auf Auktionen und sonstigen Verkäufen preislich höchstbewerteten Arbeiten zeitgenössischer Kunst, findet heutzutage kaum noch explizite Erwähnung. Kunst kommt ohnehin längst von Kaufen. Seit langem bieten sogenannte Kunstfonds, selbstverständlich unter Beteiligung von Banken, garantierte Wertsteigerungen beim Erwerb der Aktie an der Wand. »Etliche Amerikaner informierten sich Ende der fünfziger Jahre«, so Sauerbier weiter in seinem Aufsatz von 1993, über die Internationale der Künstler, »eingehend über die Poesie des Konkretismus (der Name des Tirolers Heinz Gappmayr taucht in den Notaten des Fluxus-Künstlers George Brecht um 1958 auf).« Die verändere die Auffassung vom tätigen, produktiven Leser/Betrachter, die konkretistische Poesie finde sich beispielsweise in den Stücken der konzeptuellen Kunst wieder. »Die Amerikaner eigneten sich europäische Philosophie an (Sätze, Aussagen, Theoreme«, etwa die von Ernst Mach, seien zu Stücken des Fluxers Robert Barry geworden. Die Hinwendung zur low and popular culture, der Massenkultur, beeindrucke und beeinflusse nicht wenige europäische Künstler. »Selten gehörte Musik führten als Gemeinschaftsstücke Wiener Aktionskünstler und -poeten auf, Kumpaneien wie die von Roth, Rainer, Wewerka und Hamilton produzierten gemeinschaftlich.« In den Künsten setzte sich durch Verknüpfung, Zusammenarbeit, Gleichberechtigung der Arten und Gattungen Internationalismus und Vielsprachlichkeit durch – gegen die Vorherrschaft stilistischer Muster, die später aber ungemein erfolgreich von Handel und Vermittlung zu ›Trends‹ hochstilisiert wurden. »Viele Fluxus-Stücke waren so angelegt«, so SDS vor zwanzig Jahren weiter, »daß sie in einer Sprache nach Wahl ausgeführt werden konnten, wie Alphabet Symphony, Son of Man Trio von Emmett Williams. Etliche Montagen der Wiener Gruppe sind Gemeinschaftsarbeiten, nahmen zum Beispiel ein Lehrbuch der tschechischen Sprache als Material. Nicht selten gab es auch Mißverständnisse, die dann aber produktiv genutzt wurden; und besonders interessant waren, wenn sie rückübertragen wurden. Der Witze-Dichter Ernst Jandl verfertigte Zwangsübersetzungen: Den Wortlaut gesprochener englischer Wörter schrieb er als deutschen Text auf. Viel-Sprachen-Dichtung sind Hans G. Helms' triparametrische Texte, die bereits einen Mehrsprachen-Titel tragen: Fa:m Ahniesgwow, erschienen 1959. Das Material besteht aus zwei als einem Dutzend (nicht-)europäischer Sprachen – von ›freien‹ Assoziationen des Lesers/Hörers noch ganz abgesehen. Komponiert ist das Werk in den Parametern Phonematik, Graphematik und Semantik. J. M. Kraußes Dichtmaschine Poetor ist in Teil-Programmen auch für andere als die deutsche Sprache eingerichtet; er verwendete eine japanische Spielkarten-Mischmaschine. Dichtapparate von George Brecht, Universal Machines genannt, sind für prinzipiell alle möglichen Sprachen angelegt. Zur Abschaffung der Sprache hat schon Jonathan Swift interessante Vorschläge gemacht. In Objekt-Gedichten seit Ende der fünfziger Jahre wurden Dinge an die Stelle von Sprache gesetzt. Ein Gleiches geschieht in Ereignis-Gedichten etlicher Fluxus-Künstler, die Events notierten – sie konnten ebensowohl (nach-)gelesen, als Ereignis aufgeführt oder in den Aggregatzustand von Objekten dargeboten werden. ›Vor Gebrauch gut schütteln‹, empfahl Tomas Schmit für seine Gedichte in Gläsern. Eventual-Poesie nannte ich jene potentielle Dichtung, die erst vom Seher/Hörer/Leser/Zuschauer/Ausführenden ... realisiert wird oder bloßes Material bleibt. Entgegen der konservativen bis reaktionären, rückwärtsgewandten Position, die beansprucht, Geschichte gepachtet zu haben, ging es der Avantgarde ums Wachhalten von Erinnerung an historische, aber immer noch nicht erfüllte Forderungen des revolutionären Bürgertums seit 1789 über 1848 bis zur Commune 1871. In der Schrift Die Mission der Kunst und die Rolle der Künstler erhob der utopische Sozialist La-Verdant die Einheit von künstlerischer und politischer Aktion zum Programm. Ist denn die Kunst etwa Wirklichkeit geworden? Ganz gewiß – jedoch anders als im Sinne der hehren Absichten von Fluxus. Widerspruch will ich einlegen gegen eine Auffassung, die weisgemacht hat, wir lebten jenseits oder nach der Geschichte. Das Pendant ist falsche Unmittelbarkeit – vorgespiegelt wird, diese Utopie sei tatsächlich erreicht, wo es Identität gar nicht geben kann –, es sei denn, Geschichtsbewußtsein ist uns abhanden gekommen. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, landet nur in der nächsten Zelle. Aus der Geschichte kann man nicht aussteigen, ebensowenig wie aus seiner Sprache, in der ja Geschichte sedimentiert ist. Ein Gleiches gilt für die Kunst: Wir sind Teil der geschichtlichen Welt – wie könnte man einen Standpunkt jenseits der Geschichte beziehen? Wir befinden uns nicht jenseits des Schaufensters. Der Künstler steht wie wir alle mitten darin, er ist zugleich Teil und Betrachter von Geschichte, zudem bezieht er Position zur Geschichte in seiner Arbeit. In seinem wichtigen Beitrag zur verbesserung von mitteleuropa hat Oswald Wiener einen Automaten entworfen, der an die Stelle des Staates tritt und die Wirklichkeit ersetzt. Pendant und Komplement dazu: Max Stirners Programm Der Einzige und sein Eigentum wurde von Konrad Bayer zu Ende gedacht, dem früh von eigener Hand geendeten Individualanarchisten bester Güte: Bayer proklamierte den Ein-Mann-Staat. Schwierigkeiten sah er vorerst allein in der Außenpolitik. ›Seid in der Zeit! Seid statisch!‹ lautete die Devise von Jean Tinguely auf einem Flugblatt, das er über Düsseldorf aus dem Flugzeug abgeworfen hat. Nun glauben wir aber an Fortschritt nicht mehr. ›fort mit dem schritt!‹ – Tomas Schmit. Wir können ja nicht gerade behaupten, wir lebten in einer Europa-Euphorie. Vieles spricht da eine ganz andere Sprache. Kunst gilt als gesellschaftliches Gedächtnis, sinnlicher Erfahrungen und Wünsche, Hoffnungen und Forderungen, als Wertspeicher von ideellem gesellschaftlichem Reichtum. Erschreckend ist, wie wenig Ahnung, wieviel Vorurteil und unbegründete Deutung ohne Kenntnis und Wissen mit Kunst befaßte Leute haben – nicht nur unsere Twens, ob nun mit freier oder angewandter, unfreier oder abgewandter Kunst, mit Planung und Entwurf befaßt – sowohl in Bereichen von europäischer, nicht-deutscher oder gar afrikanischer, asiatischer zeitgenössischer Künste. Dem entsprechen Dumpfheit der Erfahrung oder Stumpfheit der Wahrnehmung, von Erlebnisäußerungen zu Ausdeutung und Urteil – sowohl was Zeit, Raum, Form, Gestalt, Inhalt und deren Geschichte angeht. [...]« In den sechziger Jahren stand Sauerbier mit den meisten Fluxus-Künstlern weltweit in Kontakt, es entstand ein reger Austausch, der keinen Unterschied zuließ zwischen Kunst und Alltag. Das für die Gattung Fluxus beispielhafte, für diese (Nicht-)Disziplin durchaus als typisch zu bezeichnende Projekt Revue Rendez-vous wurde, so Sauerbier in seinem gleichermaßen theoretischen wie unterhaltsamen Vor- bzw. Nachwort, »1965 begonnen, 1966 ausgeführt. Nachzügler kamen noch im folgenden Jahr. 1967 habe ich die Korrespondenz beendet. Bisher wurde das Projekt unvollständig, verstreut und in Teilen veröffentlicht, nur Auszüge und Entwürfe waren in etlichen Ausstellungen zu sehen.« Die Dokumentation dieses Korrespondenzstücks ist inzwischen unter dem Titel Revue Rendez-vous in einer beeindruckend gestalteten, haptisch-sinnlichen Ausgabe aus dem Haus der Leipziger Hochschule für Buch und Gestaltung erschienen. Achtzehn Künstler sollten seinerzeit Fragen – an sich selbst – stellen, die wiederum zu beantworten waren von anderen Fluxern; und es gab kaum einen der teilweise auch heute noch, besser vielleicht: mittlerweile am Kunstmarkt preislich hochgehandelten Artisten, der sich ihnen nicht zugehörig fühlte. Manch einer lieferte Bögen ab, die eine gedankliche Verbindung an den Fragenkatalog von Marcel Proust zulassen, der über lange Zeit von einer führenden deutschen Tageszeitung benutzt wurde, die für sich selbst damit warb, dahinter stecke immer ein kluger Kopf. Im Lauf dieser im einzelnen wie unterhaltsames Geplänkel wirkenden Korrespondenzen sandten die Künstler Sauerbier Postkarten, Briefe oder einfach nur Zettel zu, nachzulesen bzw. anzuschauen im hochwertig ausgestatteten Mittelteil des Buches. Daniel Spoerri etwa notierte auf einem winzigen Blatt: »Beweismaterial über langes Nachdenken. Bitte wegwerfen.« Oswald Wiener, Autor des legendären Buches Die Verbesserung von Mitteleuropa und in den siebziger Jahren vor der Obrigkeit nach Berlin geflüchtet, telegrammierte aus der österreichischen Hauptstadt in die seinerzeit ehemalige deutsche: »Frage: Ich bin Bundesbahnpensionist und möchte nach Ostdeutschland fahren. Wo muß ich mich hinwenden, um die mir zustehende Fahrpreisermäßigung zu erhalten.« Nonsense – aber wahrhaftiger. So fordert der Südkoreaner Nam June Paik in deutscher Sprache dazu auf, eine Partei gegen die Politik(er) zu gründen. (Inform von gar erschröcklicher Satire – siehe den Untergang des unsinkbaren Luxusdampfers namens Titanic bzw. der nach ihr benannten Zeitschrift, deren einstiger Chefredakteur Martin Sonneborn mittlerweile einen Sitz im Parlament der Europäischen Union innehat – realisiertes Utopia?) Collagen, Malereien, Typoskripte, Zeichnungen – unalltägliche Kleinodien des täglichen, immer irgendwie politischen Lebens aus einer Zeit, in der es das soziale Netzwerk, die Community auch ohne Internet längst gab. Man schickte sich eben, wie S(amuel) D(ietrich) Sauerbier diese Kommunikationsform gerne bezeichnet: »mundgemalte Postkarten«. Als eine solche, als ein eben nichtdigitales Kleinod ließe sich Revue Rendez-vouz bezeichnen. Falls trotz ergiebiger Lektüre Fragen unbeantwortet bleiben sollten, gilt zu bedenken: »Das Wichtigste an Fluxus ist, daß niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen.« Revue-Rendez-vous Korrespondenzstück Vor- bzw. Nachwort sowie biografische Hinweise in deutscher und englischer Sprache 264 Seiten, 16,7 x 24,0 cm, 4farbig, Ganzgewebeband Euro 34,00 Institut für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), 2013 ISBN 978-3-932865-79-4 Zweitveröffentlichung nach Titel–Kulturmagazin. Eine kürzere Fassung dieses Textes ist zuerst erschienen in der Leipziger Volkszeitung vom 11.08.2014. ... link (2 Kommentare) ... comment Sonntag, 17. August 2014
petrusdrygalski
12:27h
Buchteln im Beisl
Österreich, vernahm ich gestern, nicht etwa über den weanerischen Standard, sondern über die deutsche Welt, wehre sich heftig den Verlust seiner Sprache. „Servus“ statt „Tschüß“, „Marille“ statt „Aprikose“ und „Sackerl“ statt „Tüte“ – „Österreich kämpft für den Erhalt des österreichischen Deutschen“, hieß es in dem preußischen Kampfblatt. Diese Problematik wurde bereits 1993 in einer seit etwa zwanzig Jahren verblichenen Postille erörtert, die in den Archivräumen des Hauses Wildkind einbalsamiert und aufgebahrt wurde wie weiland Stalin und Lenin. Dort im Südhessischen, wo man die Gründung eines Frankenreiches unter völlig neuer bzw. politisch korrekter im Sinne althergebrachter Grenzziehung anstrebt, lüftete man freundlicherweise den Deckel dieses Scheewittchensarges und ließ die Sprachseele frei, die nun hiermit dialektisch über uns schwebt. Unter der Überschrift Warum die Österreicher nicht in die EG wollen war seinerzeit angemerkt worden: „Wie gemeinhin bekannt ist, hat das, was oftmals fälschlich «leibliches Wohl» genannt wird, innerhalb Europas und lange bevor man innerhalb Europas an Europa dachte, ein Europa gebildet, das in jeder Hinsicht seinesgleichen sucht. Kein türkischer, französischer, italienischer, spanischer, griechischer, portugiesischer, dänischer Nebenerwerbs-gastronom, der es nicht geschafft hätte, im mitteleuropäischen Land der unbegrenzten Möglichkeiten die aus der Heimat mitgebrachten Rezepte so zu nivellieren, daß die Deutschen nicht auch hier ihren (immer friedlichen!) Okkupationsgelüsten hätten Geltung verschaffen können. Das beste Beispiel dafür ist die allseits so geliebte Küche chinesisch-thailändisch-vietnamesisch-koreanisch-taiwanesischer-et-cetera Provenienz. Sogar der japanische Meister des flinken Messers hat begriffen, daß er dem deutschen Gourmet innerhalb seines geliebten Sushi das Walfleisch als Clupea pallasii offerieren muß, um nicht Gefahr zu laufen, nach Hause ins Asyl geschickt zu werden (aber da er dort gerade ausgewiesen worden ist, weil er mehrere Kugelfische falsch tranchiert hat, will er dorthin sobald nicht wieder zurück, weshalb auch er tunlichst die deutsch-europäische Variante der gastronomischen Einheit pflegt). Kurzum, die vereinte international-industrielle Großküchenallianz hat sich darauf spezialisiert, mittel-europäisch zu werden, das zu entsenden und zusammenzukochen, was den deutschen Gaumen kitzelt – die meisten Ingredienzien würde der Absender vermutlich nicht mal seinem Hund zum Fraß vorwerfen, weil der nämlich dann nicht mehr schmecken würde. Selbstverständlich machen das die Österreicher genauso. Auch sie möchten ja, wie laut und vernehmlich zu vernehmen war, sich hineinsetzen in die vermeintliche riesengroße Buttercremetorte EG – hergestellt aus Zutaten, die, wie uns vor einigen Monaten via Zeitmagazin vermittelt wurde, Wege gehen, gegen die sich die von Christoph Columbus und Vasco da Gama wie Wochenendausflüge ausnehmen. – Aber nun, ach! Da stellen doch diese Brüsseler Spitzen-Bürokraten eine Bedingung – die nämlich, daß die Namen und Begriffe der Produkte, die in den EG-Handel gelangen sollen, zu vereinheitlichen sind. Ratlosigkeit, Empörung, ja Wut sind zu vernehmen aus Judenburg, Deutschlandsberg, Saalbach-Hinterglemm, Wörgl oder Vöcklabruck. Sie wollen auch in Zukunft, so versichert der oberösterreichische Gastronom mit oberbayerischer (sic!) Depandance, Arthur Tuschak, auch weiterhin ihre pfleglichst, durchaus auch mit internationalen Chemikalien behandelten und verarbeiteten Produkte mit einheimischen Bezeichnungen deklarieren. Wir haben größtes Verständnis dafür, weshalb wir im folgenden auflisten, was den EG-Europäern, aber auch den am Rande Dahinsiechenden entgeht, wenn man den Österreichern nicht das zugesteht, was z. B. Dänen oder Engländern längst zugestanden wurde – zumindest die eigene Sprache. Beisl = Gasthaus – Buchteln = Dampfnudeln – Erdäpfeln = Kartoffeln – Faschierts = Hackfleisch – Fleckerln = Nudeln – Galatsche = Hefestückchen – Germ = Hefe – Gspritzter = Weinschorle – Guglhupf = Napfkuchen – Karfiol = Blumenkohl – Klacheln = Schweinehaxe – Kranawittbeern = Wacholderbeeren – Kukuruz = Mais – Marillen = Aprikosen – Maronen = Eßkastanien – Obers = Sahne – Palatschinken = Pfannkuchen – Paradeiser = Tomaten – Powidl = Pflaumenmus – Reindling = Pfanne – Ribisl = Johannisbeere – Salonbeuscherl = Lungenhaschée – Schanegarten = Biergarten – Scheiterhaufen = Auflauf – Schwedenbombe = Mohrenkopf – Sterz = Gries – Tirteln = Tasche(n) – Topfen = Quark – Vogerlsalat = Feldsalat.“ Mahlzeit. ... link (7 Kommentare) ... comment petrusdrygalski
12:16h
Postfluxerische Revoluzzerei im Museum
Als Ende der siebziger Jahre Selten gehörte Musik in einer ehrwürdigen Kunstinstitution von einigen in die Jahre gekommenen Herren (wieder-)aufgeführt, genauer vielleicht: ein lange tiefgefrorenes Süppchen aufgetaut wurde, ergoß sich ein mediales Füllhorn an Beschimpfungen über die Protagonisten. Was ein solcher Klamauk denn um des lieben Himmels willen mit Kultur zu tun haben solle; das könne weg, hieße es heutzutage wohl. Und das, obwohl dieses Happening zu dieser Zeit längst Rückblick auf ein Stück Kulturgeschichte war, mit der die Wiener Aktionisten seit 1968 mächtig aufgeräumt, ihr alle erdenklichen Zöpfe abgeschnitten, ihr den Muff aus tausend Jahren aus den Talaren geblasen hatten. Es war zu dieser Zeit eher ein vergnügliches Aufgießen, das die aktionistischen Veteranen in der ehemaligen Münchner Villa des Malerfürsten Franz von Lenbach veranstalteten; jedenfalls im Vergleich zu dem, was die Urväter der österreichischen Kunstrevoluzzerei etwa zwanzig Jahre zuvor geboten hatten. Auch schmunzelte in der eher stillen Aula des Lenbachhauses, dessen damaliger Kurator, späterer künstlerischer Leiter und als Pensionist heute Hubsi Burdas Baden-Badener Vernissage-Treffpunkt der gehobenen Kunstgesellschaft dirigiert, ein längst postmodern orientiertes, geradezu universitär wissendes Auditorium, während auf der Bühne Dieter Roth Paul Renner mittels Gartenschere die Haare bis auf die Kopfhaut blutig schnitt. Anfang der sechziger Jahre nahm das Publikum teil an den ersten poetischen demonstrationen, den literarischen cabarets. „Spaß macht so richtig Spaß nur“, erinnerte der einst unter dem Pseudonym Jonas Überohr musikkritisch gefürchtete Helmut Salzinger in der Zeit, „solange die anderen sich darüber ärgern. Unverständnis, Widerspruch. Ablehnung, empörter Protest sind ein ergiebiger Quell der Inspiration für den, der es darauf angelegt hat, durch sein Tun die Umwelt in ihrer Ruhe zu stören." Kabarettistisch an diesen Veranstaltungen waren, so Salzinger, allerdings „bestenfalls die eingelegten Chansons, im übrigen aber entsprachen sie überraschend genau dem, was zur gleichen Zeit in New York erfunden wurde, dem Happening. Vorgänge sollten ausgelöst werden, in denen die Wirklichkeit sich selber agiert, zugleich Subjekt und Objekt der Demonstration ist.“ So plante man beispielsweise, „einen Zuschauer um seine Armbanduhr zu bitten, unter dem Vorwand, sie werde für einen Varietétrick benötigt. Diese sollte dann in einen Plastikbeutel gesteckt, auf einem Amboß mit kräftigen Hammerschlägen zertrümmert und dem Eigentümer mit der Entschuldigung, der Trick habe leider nicht geklappt, zurückgegeben werden. Auf dessen Reaktion wäre es dann angekommen. Gewiß, dergleichen ist terroristisch; aber gerade das, die terroristische Willkürlichkeit realer Vorgänge und Ereignisse, galt es ja zu zeigen." Salzinger bezog sich dabei auf die mittlerweile legendäre Dokumentation Die Wiener Gruppe. Zwar hatte es nach Friedrich Achleitner eine Formation unter diesem Namen nie gegeben. Dennoch sollte sie unter diesem Begriff in die Kunstgeschichte eingehen, die Gruppierung aus Wien. Doch wie sich das mit Gruppen nunmal so verhält, in der Hoch-Zeit der Formationsbildungen allemale: Es gab Groupies, Freunde, Anhänger, auch Trittbrettfahrer. Und die entwickelten, durchaus typisch wienerisch, eine gewisse Eigendynamik. Das belegen Gespräche im Umfeld von Uzzi Förster, einem bekannten Jazzmusiker und Kneipenwirt, der regelmäßig in der nicht minder legendären Wiener Bar Strohkoffer auftrat und dort auch gut und gerne Gast war; wie nahezu alles aus dieser kulturrevolutionären Metropole, das später in die kunsthistorischen Annalen eingehen sollte. Da soll im Vorfeld der Kabarett-Darbietungen ein Reporter in den Katakomben der österreichischen Hauptstadt wegen seiner „Lügen“, die er in der Illustrierten Stern verbreitet habe, vor einem „Volksgerichtshof“ zum Tode auf dem Blutgerüst verurteilt und auch einige Tage in einer entsprechenden Zelle gefangengehalten worden sein. Er kam wieder frei. Die Guillotine blieb ihm erspart. So libertär war die Revolution der Kunst dann doch. Vor nichts und niemandem machte sie halt, Ehrfurcht vor Tradiertem gehörte in den Fäkalbereich, Ironie war das Gelindeste, was der Vergangenheit passieren konnte. Doch nun befindet sich diese Vergangenheit im Museum. Die Revoluzzerei findet mittlerweile im Internet statt, das ihre Kinder gefressen hat. Yves Aubertin ... link (0 Kommentare) ... comment Freitag, 23. Mai 2014
petrusdrygalski
01:37h
Ein Versuch über die Ordnung
von Didier Calme
abgelegt: Gastbeitrag
260
Er dürfte hinlanglich bekannt sein, der vielzitierte Blick unter den Teppich, der Ungeahntes zutage fördert. Allerdings bedarf es zu diesem Behufe des Willens, ihn anzuheben. In unserem Haushalt existieren, bis auf einige Spitzendeckchen aus der Zeit des noch nicht gänzlich verarmten niederländischen Adels, deshalb sehr wenige Verdeckungs- oder auch Verhüllungsmaßnahmen, um sich nicht der Mühe unterziehen zu müssen, etwas sichtbar werden zu lassen, das wir nicht sehen möchten. Über die Zeit haben sich jedoch Surrogate entwickelt. Zwei Schreibtische stehen in unterschiedlichen Räumen unserer Wohnung. Einer dient meiner computer- und auch internetfeindlichen Gattin als Leseunterlage für aktenähnliche Zustände: es stapeln sich fein säuberlich, auch eigene, medizinische Gutachten und Untersuchungen der letzten Jahrzehnte. Als wir vor einiger Zeit die Niederlande verließen, um nach Frankreich um- bzw. rückzusiedeln, kehrten diese Anhäufungen exakt nach der zuletzt in Zwolle angelegten und präzise in mehrere Kartons zwischengelagerten Ordnung quasi zurück auf die neue Leseplatte. Sollte es ausnahmsweise vorkommen, daß ich meine Frau retournieren möchte, weil sie meine Hausarbeit mal wieder nicht ausreichend gewürdigt hat, sie mir beispielsweise vorwirft, ein aus der guten alten adeligen Zeit ihrer südholländischen Ahnen stammendes Champagnerglas mithilfe der Spülmaschine unsachgemäß gereinigt zu haben, frage ich sie, wann sie den letzten Kunstfehler verursacht habe. Ein paar Schritte und ein Griff in einen der Stapel reichen aus, um die Akte hervorzuziehen, aus der etwa neunzig Seiten lang hervorgeht, sie sei schließlich diejenige gewesen, die den irrtümlich von einem Kollegen abgetrennten Arm eines Patienten wieder angenäht habe, und zwar derartig, daß er, der ehemalige Patient, nicht nur wieder Champagner trinken könne, sondern überdies aus einem sorgfältig, von Hand gereinigten Glas. Auf meinem Schreibtisch befinden sich außer einem Computer im Sinne der Fortsetzung einer Schreibmaschine für in die Jahre gekommene freizeitdichtende Hausmänner die unterschiedlichsten Papiere; ich gehöre nämlich der Generation der frühgeburtlichen, erst spät mit dieser irritierenden Elektrik in Kontakt gekommen Internetausdrucker an, was daran liegen mag, daß ich ein mehr oder minder direkter Nachfahre Gutenbergs bin, ich also aus der papiernen Welt abstamme. Ein Großteil der abgeholzten Regenwälder dieser Erde lagert folglich auf diesem, meinem Schreibtisch. So sähe mein Schreibtisch denn auch aus, meint meine zwar auch mich, aber in erster Linie vermutlich die Ordnung liebende Gattin: wie in einem dieser neuzeitlichen oder auch -modischen Mischwaldbiotope nach deutschem Vorbild. Ich hätte mich offensichtlich zu lange unter diesen größtemteils leicht seltsamen, widersprüchlichen Menschen aufgehalten und sei deshalb kulturell völlig verbogen. In Deutschland werde nämlich mittlerweile ein Verstoß gegen diese Regel des neuen Ethikkatechismus' mit Haft nicht unter zwei Jahren, und zwar ohne Gewährung einer Bewährung geahndet; dabei handele es sich nämlich um eine schwerwiegendere Straftat als die Hinterziehung von Steuergeldern. Diese Biotope dürften nicht nur nicht betreten werden, sondern man berate seitens der deutschen Regierung, das sei ihr aus gut unterrichteten Kreisen zugetragen worden, inzwischen darüber, für solche Taten wie etwa die Entfernung herumliegenden völlig veralteten, morschen, also unbrauchbaren bzw. nicht mehr nutzbaren Gehölzes die Todesstrafe, zumindest aber das Zuchthaus wieder einzuführen. Und da es auf meinem Schreibtisch genauso aussehe wie bald in allen deutschen Wäldern, müsse sie davon ausgehen, ich fürchte mich vor derlei Strafmaßnahmen. Dann dürfe ich folglich eine bestimmte Grenze nicht mehr überschreiten. Anmerkung: Eine Fortsetzung dieser Versuchsanordnung ist beabsichtigt. ... link (0 Kommentare) ... comment ... older stories
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Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen... by wuhei (2014.11.01, 10:40) Danke, danke, danke,...
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@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat... by sid (2014.09.07, 00:49) Um Entschuldigung
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Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden?... by wuhei (2014.08.20, 10:29) Mir ist neu, daß...
Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein... by sid (2014.08.20, 01:34) Die Watschn hast vergessen....
Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in... by der imperialist (2014.08.19, 21:43) Wieder was gelernt -...
Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei... by sid (2014.08.19, 15:53) © (soweit nicht anders gekennzeichnet): Petrus Drygalski |
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