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Freitag, 1. Mai 2015
petrusdrygalski
08:30h
Vanitas
„[...] Es ging ziemlich lebhaft zu zwischen den Rosenbeeten an diesem Tag, als würden viele Menschen den goldenen Oktobertag zum letzten Besuch der Klanginstallation nutzen. Beim Rundgang fiel uns auf, wie sehr sich all die Lieder in ihren Inhalten ähnlich waren. Ob Portugal, England, Ukraine, Türkei, Finnland, Bosnien oder Kurdistan – die Rose hat immer mit Liebe und Herzschmerz, Sehnsucht und Schönheit zu tun. Und mit dem Tod. Nach den Rosen gingen wir noch zum Kräutergarten mit den Pflanzen zum Anfassen, wo kleine Metalltafeln in Blindenschrift angebracht sind. Man kann die Kräuter berühren, die Finger an die Nase halten und ihren Geruch erschnüffeln. Schließlich schauten wir uns noch die vielen gleich großen Zöglinge in der Baumschule an. Wie Schulklassen waren sie nach Jahrgängen getrennt. Hier werden die Ersatzbäume gezüchtet, für die Artgenossen, die in den letzten Jahren der Luftverpestung zum Opfer gefallen sind. Jedes Kind weiß, daß Bäume die Luft verbessern, und den asphaltierten, gepflasterten und betonierten Großstadtboden im Sommer kühlen. Es dauert Jahrzehnte, bis die Baumkronen der Ersatzbäume so groß gewachsen sind, daß sie genau so viel Schadstoffe aus der Luft filtern wie alte Bäume Zum Abschluß gingen wir noch in den Garten der einheimischen Giftpflanzen, der durch einen Zaun und eine Tür vom restlichen Gelände abgetrennt ist. Ein großes Schild am Eingang warnt davor, Kinder unbeaufsichtigt in den Garten zu lassen. Bei jedem Baum und Strauch stehen auf kleinen Schildern die Wirkungen und die tödliche Dosis. Als wir hinausgingen, winkte mir jemand von der anderen Seite einer Besuchergruppe zu, die gerade eifrig hinter einem Führer herlief. Wir mußten warten, bis sie vorbei waren, dann kam der Typ herüber. Ich habe ihn zunächst nicht erkannt, doch beim Näherkommen fiel bei mir der Groschen: der Ben. Mein alter Schulfreund hatte Zeit seines Lebens zu den schlanken Männergestalten gehört. Jetzt kam ein älterer Typ mit rundem Gesicht, ausgeprägtem Doppelkinn und dickem Bauch auf mich zu. Es war bestimmt gut ein Jahr her, daß wir uns zum letzten Mal über den Weg gelaufen waren, und in der Zwischenzeit hatte er offenbar ganz schön zugenommen. Heh, Alter, kennst mich wohl nimmer? begrüßte er mich. Wir umarmten uns. Lange nicht gesehen. Kann man wohl sagen. Wie geht’s dir? fragte ich. Na ja, du siehst ja, ich bin dick geworden. Weniger essen, mehr Bewegung. Er sah mich an, als hätte ich mit meinem banalen Sprüchlein einen sehr unpassenden Witz gemacht. Wäre schön, wenn’s so einfach wäre. Aber ich habe Lungenkrebs und einen Gehirntumor, und was du da siehst, ist die Nebenwirkung der Medikamente. Dann herrschte Stille. Ich war erst einmal sprachlos, ich konnte nicht glauben, was ich da eben gehört habe. Du hast was? Er wiederholte es, und ich kam mir vor wie im Schockzustand. Ich kannte ihn, seit wir elf und zwölf Jahre alt waren, durch Schulzeit, Studium, Heiraten, Kinder, Scheidung, zweite Ehe, noch mehr Kinder, Scheidung, Alleinleben. Wir waren den größten Teil unserer gemeinsamen Jahre in der Stadt in Verbindung geblieben. In letzter Zeit waren die Treffen seltener geworden. Er ging in andere Kneipen als ich. Wir haben noch eine Weile geplaudert, auf dem Kiesweg vor den einheimischen Giftpflanzen. Er versuchte, gelassen zu klingen. Er erzählte, daß er bei einer Autofahrt plötzlich an die Seite fahren mußte, weil er Sehstörungen hatte. Das war vor zwei Monaten. Der Arzt tippte erst auf Migräne, zwei Tage später kam der Radiologe auf die deprimierende Wahrheit. Ich kann nicht mehr Auto fahren, deshalb geh ich immer hierher in den Rosengarten, ist ein schöner Spaziergang von meiner Wohnung aus. Schad’, daß die Klanginstallation jetzt bald abgebaut wird. Ich fragte, ob die Therapie was bringt. Bis jetzt vor allem Nebenwirkungen. Aber ich nehme mal an, das ist ein deutlicher Hinweis, daß sie auch Wirkungen hat. Es war Galgenhumor. Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Es sollte das letzte Mal sein. Ich ruf dich an. Wie so oft war das nur so dahingesagt, die Ankündigung blieb ohne Folgen. Vier Wochen später war er tot. Ich erfuhr es von seiner Tochter per E-Mail. Ich habe sie angerufen und ihr erzählt, daß wir uns noch im Rosengarten gesehen hatten. Ja, da war er oft in der letzten Zeit. Es war einer seiner liebsten Orte in der Stadt. Er hat wohl von den Rosen Abschied nehmen wollen. Abschied von Liebe und Herzschmerz, Sehnsucht und Schönheit. Abgeschnitten und in die Vase gestellt, erblühen die Rosen zu ihrer schönsten Form und sterben dann vor unseren Augen." Aus dem langen Brief eines Freundes an mich, mit der einstigen Bitte um meine Meinung. Er wurde später Bestandteil eines Manuskriptes für ein Buch: Schönheit und Tod. Der Freund des Freundes war, nicht seit der Schulzeit, aber immerhin über zwei Jahrzehnte lang, ebenso mein Freund. Uns beide, der erstgenannte und Autor dieses Briefes, und mich einte unter anderem die Vorliebe für verwelkte Rosen. Mittlerweile ist auch er tot. Gestorben ist er an Krebs. Didier Calme ... link (0 Kommentare) ... comment Dienstag, 21. April 2015
petrusdrygalski
22:18h
Gefühltes Denken. Differenzierung.
„Was gemeinhin als 'Denken' bezeichnet wird, ist eine Fähigkeit, die evolutionsgeschichtlich recht jungen Datums ist. Der Grundstock des menschlichen Geistes ist ein emotionaler, der auch über solche Wege zum Urteilsvermögen führt, an deren Toren Wächter der Vernunft ihren Dienst schlicht verweigern.“ Vor einigen Wochen verblüffte mich in einem Café ein Herr, den ich aufgrund verschiedener Äußerungen eher dem patriarchalisch grundgestimmten Kreis der Einwanderer zuordnete, mit seiner außerordentlichen Begeisterung für Noam Chomsky. Das brachte mich etwas in Verwirrung, da dieser US-Amerikaner in meinen jüngeren, den sechziger und siebziger Jahren in erster Linie als linguistischer Erneuerer des legendären MIT bei mir festgemacht und er sich seither auch als Gesellschaftskritiker als Denkmal der Linken auch nicht von seinem Sockel herunterbewegt hatte. In einer Form der Ursachenforschung sah ich mich gezwungen, meine leicht sklerotisierte Denkapparatur mal wieder in Bewegung zu setzen. Und ja, so langsam setzte sich etwas in Bewegung in meinem Denkbehältnis, von dem mal im allgemeinen einmal jemand behauptete, es sei rund, auf daß die Gedanken die Richtung ändern könnten. In Frankreich wird Chomsky wie ein Heiliger verehrt. Anläßlich einer Veranstaltung vor einiger Zeit in Paris war der Andrang groß, die fast 2000 Plätze bietende Halle war rasch gefüllt, und der das Auditorium Begrüßende meinte: Lediglich der Dalai Lama vermöge noch mehr Menschen anzuziehen. Nun, die politische Rechte hat sich seiner bemächtigt. Das ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, daß der über achtzig Jahre alte, aus einer russisch-jüdischen Familie stammende, mittlerweile als Philosoph Gehandelte in seiner immerwährenden geharnischten Kritik an seinem Land USA unter anderem Israel als „Klientel-Staat“ bezeichnet und auch Holocaust-Leugner verteidigt. In Frankreich eint das gleichermaßen unverbesserliche Rechtsextreme und utopische Marxisten – eine Erscheinung, der Alain Finkielkraut seinen Essay über Die Zukunft einer Verneinung gewidmet hat. So langsam wurde mir deutlich, aus welcher Richtung die Chomsky-Verehrung meines griechischen Gesprächspartners wehen dürfte: Alles, was die Amis platt macht, ist nur rechtens. Da darf es ruhig von linksaußen her heftig herüberwehen. Daß Noam Chomsky eher der Anarchie, meinetwegen dem libertären Sozialismus zuzuordnen ist, ficht meinen vielleicht doch nicht so fein differenzierenden Gesprächspartner offensichtlich nicht weiter an. Gelobt sei, was hart macht. In seinem 2000 in deutscher Sprache erschienenen Aufsatz Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft* hält Chomsky fest: „[...] Es ist meines Erachtens vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmten Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind; wenn es keine spezielle Rechtfertigung für sie gibt, sind sie illegitim und sollten beseitigt werden, um den Spielraum der menschlichen Freiheit zu erweitern. [...] Natürlich werden damit mächtige Institutionen, die Zwang und Kontrolle ausüben, in Frage gestellt: der Staat, die keiner Rechen-schaftspflicht unterliegenden privaten Tyranneien, die den größten Teil der einheimischen und internationalen Wirtschaft kontrollieren und andere, ähnliche Institutionen.[...]“ Didier Calme *Noam Chomsky: Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft, in: Die Politische Ökonomie der Menschenrechte, Trotzdem Verlag 2000, hier S. 172 ... link (0 Kommentare) ... comment Donnerstag, 16. Oktober 2014
petrusdrygalski
15:54h
Der Theaterzertrümmerer
![]() Georg Hensel, zu Lebzeiten gerne überpointierender Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, meinte nach den Anfängen des Regietheaters noch moderat: „Der Zuschauer wurde in eine Distanz gerückt, die ihn durch die Komik des Antiquierten, durch die vorgetäuschte Einfalt der Darbietung bezauberte und die ihn zugleich zur kritischen Beurteilung der Vorgänge anregte – die Lust am Spiel und die Lust des Denkens fielen zusammen." 1972 erschien dann sein Buch Wider die Theaterverhunzer. Hansjürgen Heyme war einer der Gründerväter dieser Zertrümmerer. Regietheater war eine ursprünglich abwertend gemeinte Bezeichnung für Inszenierungen, in denen die Vorstellungen der Regisseure nach Auffassung von deren Gegnern die Inhalte der Stücke verzerrten und in denen deren Meinung nach eindeutig zuviel Nacktheit und auch Gewalt die Szenerie beherrschten. Für die Protagonisten dieser in den sechziger Jahren entstandenen Theaterform bedeutete es allerdings lediglich, klassische Stoffe für die Gegenwart neu zu deuten. So inszenierte 1965 Heyme beispielsweise am Hessischen Staatstheater Wiesbaden Schillers Wilhelm Tell, der zum Skandal geriet, da er den Stoff inszenatorisch in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft rückte; deshalb wurde er seinerzeit in der Schweiz gar vorübergehend in Haft genommen. Enormen Wirbel verursachte 1971 die Münchner Uraufführung von Wolf Biermanns Der Dra-Dra, in der ein für den Kapitalismus stehender Drache getötet wurde; innerhalb des Publikums kam es dabei teilweise zu Prügeleien. Im selben Jahr wurde Heyme wegen seiner Inszenierung von Dieter Fortes Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung ausgebuht, weil am Ende der ermordete Münzer nackt aufgehängt dargestellt wurde. Es war die Phase, zu der Heyme, wie so viele andere Aktive der Künste auch, sich für eine Liberalisierug der Gesellschaft engagierte, in der der Muff von tausend Jahren auch aus den Talaren der Künste geschüttelt werden sollte. Es war die Zeit, in der begonnen worden war, Kunst nicht mehr nur aus der Perspektive der Burg, sondern vermehrt aus der des Grases zu zeigen. Das Edle, Erhabene geriet zusehends ins kritische Blickfeld, die Theaterliteratur wurde zunehmend analysierend auseinandergenommen und unter zeitgenössischen Blicken neu zusammengesetzt. ![]() Die gesamte, eine etwas längere Geschichte. ![]() ... link (0 Kommentare) ... comment Mittwoch, 15. Oktober 2014
petrusdrygalski
19:29h
Vor Ort im Tatort
Nun war auch ich vor Ort am Tatort. Das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche System hat es mir durch sein Transportmittel Mediathek auch links des Rheins gestattet, unter Tage zu fahren; diese in der drangvollen Vorwärtsbewegung der deutschen Sprachentwicklung – ja, es meldet sich der ausländische (Auch-)Germanist zu Wort, der den bewahrenden Ausblick vom französischen Sprachwachtturm hin und wieder zu schätzen weiß – unsäglich dümmliche, neben dem allgemeinen öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus längst auch in der Nebenschiene Tatort heimisch gewordene Anleihe vor Ort entstammt dem Bergbau; ich bin also tief nach unten eingefahren. Normalerweise empfinde ich es nicht unbedingt als sonderlich reizvoll, mir eines dieser im üblichen routiniert abgedrehten, oftmals geradezu langweiligen föderalen ARD-Filmchen im Nachhinein ansehen zu wollen, zumal die Belangslosigkeiten häufig ausreichend beschrieben sind. Zugestanden, den Tatort aus Münster oder den aus Kiel, die ich noch aus der Zeit kenne, die ich deutsch-tv-kulturalisiert verbrachte, empfinde ich nicht gerade als Tort gegenüber meinem Fernsehgeschmack, da habe ich durchaus ganz gerne hineingeschaut, wenn ich deren Handlungen allerdings in der Regel genauso rasch wieder vergessen habe wie die darin enthaltenen Dialoge. Dabei hat nicht eben ein geflügeltes Wort in meinem Gehirn festgemacht, das ich in abendlichem Salon-Gespräch als intellektuelles Witzchen unter Medien-Insidern auf die Reise geschickt haben müßte. Doch nun dieser Tatort, über den ich in allen erdenklichen Medien soviel gelesen habe, der so heftig, teilweise von Zuschauern, die sich dem Stück grundsätzlich vorab verweigerten, weil sie grundsätzlich dieser Art von deutschem „Zwangsbezahlfernsehen“ ablehnend gegenüberstehen, diskutiert wurde, aus dem Gegnerschaften, ja Fronten entstanden zu sein scheinen. En garde ! Für die Gegner nehme ich Cyrano de Bergerac zuhilfe, jenen, der im Schauspiel oftmals so fade, gleichermaßen langnasig wie -atmig daherkommt wie in einem dieser altbackenenen, altbesetzten Tatorte aus dem Bereich des Häßlichen Buntfunks, der aber im (französischen) Kino in einer Art dramatisiert umgesetzt wurde, daß man Lust aufs Theater bekommen könnte. „In Ermanglung edlern Wilds wünsch ich, daß ein Stich dir klaffe in der Leber oder Milz. Schau, mein Arm, der kräftig straffe, strebt nun, daß er dich raffe. Daß keiner mehr begaffe. Denn beim letzten Verse stech ich ...“ Dieses neudeutsche Tatortereignis hätte meines Erachtens im französischen Kino durchaus Bestand gehabt. Es wäre möglicherweise nicht gerade ein Renner des Cinéma geworden, aber er könnte vermutlich zumindest seine Kosten, die ohnehin nicht allzu hoch gewesen sein dürften, wieder eingespielt haben – und irgendwann anschließend noch in der Télévision nationale gesendet worden sein. Alleine das oftmals von deutschen Fernsehzuschauern kritisierte „Gequassel“ oder „Gelabere“ darin, das ich als teilweise höchst amusante, theateranmutende Spielszenen empfand, allein durch sie hätte dieser Tatort bestehen können, und zwar nicht nur dort, wo diese shakespeareschen Klassiker zur Rede kamen. Das waren auch in anderen Szenen äußerst lebendige, auch schauspielerisch gekonnt umgesetzte, dargebotene Dialoge, die jemanden wie mich durchaus begeistert haben. Die musikalischen Illustrationen, nein, effektvoll eingesetzten musikalischen symphonischen und opernartigen Randeinspielungen zurrten dieses Unterhaltungspaket fest, das meines Erachtens aus dem sonstigen Angebot für die Masse herausragte – als ob es gesondert zugestellt werden wollte. Und überhaupt diese Perlschnur aus Zitaten. Selten habe ich bei einer fernsehdeutschen, für die Breite des Abendprogramms erdachten, geschriebenen Produktion derart schmunzelnd zugeschaut und -gehört wie bei diesem Film. Ich habe es ja nicht so mit dem Begriff „genial“, weil ich ihn für schrecklich überdehnt und deshalb für ausgeleiert halte. Doch hier mag ich ihn, der einige Male gefallen war innerhalb der Debatte, tatsächlich gelten lassen – das empfand ich tatsächlich als genial. Insgesamt dürften mal Fernsehzuschauer auf ihre Kosten gekommen sein, deren künstlerischen Sekundäraktivitäten nicht nur darin bestehen, sich nach Feierabend aufs Sofa vors privatkanalisierte Glotzophon zu setzen, sondern die über Kinobesuche hinaus auch hin und wieder ins Musiktheater, ins Schauspiel und auch in den Konzertsaal gehen. Demnach sind die deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht nur ihrem Kulturauftrag nachgekommen, die sie verpflichten, auch Minderheiten zu bedienen, sondern haben das Kunststück fertiggebracht, das auch noch auf unterhaltende Art zu tun, und zwar in jeder Hinsicht, für eine Abendunterhaltung gar recht hochstehendem Niveau. Nur über die Frage von Niklas Maak in der Süddeutschen Zeitung nach dem Zitat, dem Film mit dem Laserpunkt, das habe ich zwar irgendwann irgendwo im Kino gesehen, aber ich rätsele darüber noch immer. Eine Quizsendung habe ich mir also auch noch angetan. Aber ich gehe offensichtlich eindeutig zu selten ins Kino. Didier Calme ... link (0 Kommentare) ... comment Samstag, 6. September 2014
petrusdrygalski
19:08h
Spezialisiert auf das Nichtspezialisiertsein. (Arnold Gehlen)
![]() »fort mit dem schritt« – tomas schmit Revue Rendez-vous. Ein Korrespondenzstück. Fluxus, was das denn überhaupt sei, fragte in einer städtischen Kunsthalle während einer sich um die Moderne drehenden Gesprächsrunde unlängst eine Mittdreißigerin. Unter dem überwiegend jüngeren Publikum herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Da meldete sich wie aus dem Jenseitigen die Stimme eines Präachtundsechzigers, die klang wie die des Fluxers Robert Watts: »Das Wichtigste an Fluxus ist, daß niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen.« Des Geistes Stimme ergänzte noch: Er sehe Fluxus, wo er auch hingehe. Das könnte zum Beispiel der am Straßenrand installierte digitale Großbildschirm sein, auf dem Partnerschaftsvermittler um die Gunst von Kunden buhlen, indem sie Heraklits in Kontaktanzeigen gerne verknappt zitierte Feststellung Pantha rei oder auch Alles fließt zuhilfe nehmen. Fluxus persifliert allerdings weniger den schnöden Alltag, als daß diese Gattung zeitloser interdisziplinärer Kunst direkt auf den bisweilen bitteren Ernst des Lebens verweist. Die Epoche der Romantik schwingt dabei mit: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Den Romantikern zuzuordnen ist auch der in den politisierten und polarisierenden Zeiten der Achtundsechziger geradezu verfemte BegriffL'art pour l'art. In der Übertragung ins Deutsche kam der häufig mißverständlich an, da ihm mangels historischer Differenzierung allein die Bedeutung einer Kunst um der Kunst willen zugeschrieben worden war. Den damit unverbrüchlichen Zusammenhang mit dem Leben klammerten die politisierten Interpretatoren einfach aus. 1993 erschien im Laubacher Feuilleton, einer nach fünfjährigem Erscheinen 1996 eingestellten Vierteljahreszeitung, ein Aufsatz titels Die Gemeinschaft der Künstler und die Gemeinschaftsarbeiten in den Künsten. Autor war S. D. Sauerbier, der von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2007 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter anderem Wahrnehmungstheorie sowie die Lehre von den Zeichen, die Semiologie, unterrichtete. Mit Auslöser dieses Essays war die seinerzeit heftig aufflammende Diskussion um ein geeintes, vereintes Europa. Zuvor war die Mauer zum Ostblock gefallen, während man in Südspanien nahezu gleichzeitig einen neuen Wall zu errichten begann, hier gegen vermeintliche Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika. Zeitgleich wurde die Globalisierung – wahrhaftig nicht die erste dieser Erde, aber wohl die zum erstenmal tatsächlich, weil in den wirschaftlichen Folgen auch für den den einzelnen Arbeitnehmer deutlich spürbare, auch für den sogenannten Otto Normalverbraucher exorbitant wahrgenommene – bzw. deren Expansionstreiben heftig debattiert; daß es sich dabei lediglich um eine neuerliche internationale Vereinheitlichung des Mehrwertgedankens handelte, wurde weniger erörtert. Sauerbier führte, gleichwohl in einer für die Zeit und diese Art typischen ironischen oder auch teilweise polemisierenden Diktion, den Nachweis, innerhalb der Künstler habe sich eine solche Gemeinschaft längst formiert, dabei allerdings ohne jedes wirtschaftliche Bestreben; der sich seinerzeit entwickelnde, ab den achtziger Jahren über die Ufer tretende, ähnlich den Finanzgeschäften kaum mehr zu kanalisierende Kunstmarkt wurde ausgeklammert, als schlichtweg nicht existent erachtet. »Hier bin ich Mensch?« zweifelte Sauerbier vor gut zwei Jahrzehnten, an der nordafrikanischen Küste sitzend, gen Europa blickend. »Dieselben Kulturbürger und -träger regen sich unziemlich über Muslime im eigenen Land auf, über verschleierte Frauen: ›Die haben sich gefälligst anzupassen!‹ Sie tragen ihre nackten, schwangeren Bierbäuche spazieren und lassen am Strand ihre Busen baumeln. ›Hier bin ich! Mensch!‹ [...] Da doch schon unsere Ziffern, Bezeichnungen wie Alkohol oder Alchimie arabischen Ursprungs sind, haben es aber die Ölscheichs in Kuweit und in Libyen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten versäumt, uns mit neuerer arabischer und islamischer Kultur vertraut zu machen. Die Scheichs besitzen riesige Anteile an unserer Wirtschaft – nehmen aber keinen Anteil an unserem kulturellen Volksvermögen mehr. [...] ›Die Hölle – das sind die anderen‹, heißt es bei Jean Paul Sartre. Doch soll uns das nicht als Ablaßspruch dienen. Einwohner der BRD als Nachfolgestaat der Schutzmacht des faschistischen Ustascha-Regimes – diffamiert man Deutsche heute von der anderen Seite. [...] Nation Europa hieß eine rechtsextreme Zeitschrift, unverschämt kryptofaschistisch. Ich erinnere mich an eine Kritik der II. documenta – als wenn in Kassel ›entartete Kunst‹ ausgestellt worden wäre! Sollte denn eine solche Ideologie die Zukunft Europas bestimmen?! Ende der fünfziger Jahre gab es allerdings auch andere ideologische Positionen zu Europa. Auf dem Programm stand nicht gerade der common nonsense und das ungesunde Volksempfinden der Abendländler. Durchdringung und Aneignung von Kulturen führten zu Internationalismus und zugleich Regionalismus. Konkrete Poesie in Schwyzerdütsch und Lautgedichte in Wiener Mundart, heute Rockpoesie auf Kölsch ... Das Zusammenfließen sehr unterschiedlicher Strömungen zeigte sich in Übertragungen, Verknüpfungen und Anschlüssen von Kontexten. Nach dem Niedergang des internationalen Stils, nach der Reise in die Innerlichkeit kam es Ende der fünfziger Jahre zu verstärkter Hinwendung zur sozialen Realität. Eine veränderte Auffassung von Wirklichkeit war festzustellen bei Nouveau Réalisme, Zero, Fluxus, Pop art, Konkreter Kunst, Conceptual art ... Damit sind nun gar keine gegeneinander abgeschotteten ›Firmen‹ markiert, wo die Künstler liberale Kumpaneien, ›Banden‹, bildeten. [...]« Auf den wechselseitigen Austausch unter Künstlern verweist SDS, wie er zu und aus Zeiten der sozialrevolutionären Jahre des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes logischer- oder auch konsequenterweise fortan genannt wurde, der finde heute, damit ist 1993 gemeint (!), so selten statt – der Markt isoliere die Künstler. Und das tut er rund zwanzig Jahre danach noch sehr viel erheblicher; Willi Bongards seinerzeitige, im Wirtschaftsmagazins Capital seit 1970 umgesetzte Erfindung Kunstkompaß, einer Art jährlicher Hitparade oder auch neuerdeutsch Ranking der weltweit auf Auktionen und sonstigen Verkäufen preislich höchstbewerteten Arbeiten zeitgenössischer Kunst, findet heutzutage kaum noch explizite Erwähnung. Kunst kommt ohnehin längst von Kaufen. Seit langem bieten sogenannte Kunstfonds, selbstverständlich unter Beteiligung von Banken, garantierte Wertsteigerungen beim Erwerb der Aktie an der Wand. »Etliche Amerikaner informierten sich Ende der fünfziger Jahre«, so Sauerbier weiter in seinem Aufsatz von 1993, über die Internationale der Künstler, »eingehend über die Poesie des Konkretismus (der Name des Tirolers Heinz Gappmayr taucht in den Notaten des Fluxus-Künstlers George Brecht um 1958 auf).« Die verändere die Auffassung vom tätigen, produktiven Leser/Betrachter, die konkretistische Poesie finde sich beispielsweise in den Stücken der konzeptuellen Kunst wieder. »Die Amerikaner eigneten sich europäische Philosophie an (Sätze, Aussagen, Theoreme«, etwa die von Ernst Mach, seien zu Stücken des Fluxers Robert Barry geworden. Die Hinwendung zur low and popular culture, der Massenkultur, beeindrucke und beeinflusse nicht wenige europäische Künstler. »Selten gehörte Musik führten als Gemeinschaftsstücke Wiener Aktionskünstler und -poeten auf, Kumpaneien wie die von Roth, Rainer, Wewerka und Hamilton produzierten gemeinschaftlich.« In den Künsten setzte sich durch Verknüpfung, Zusammenarbeit, Gleichberechtigung der Arten und Gattungen Internationalismus und Vielsprachlichkeit durch – gegen die Vorherrschaft stilistischer Muster, die später aber ungemein erfolgreich von Handel und Vermittlung zu ›Trends‹ hochstilisiert wurden. »Viele Fluxus-Stücke waren so angelegt«, so SDS vor zwanzig Jahren weiter, »daß sie in einer Sprache nach Wahl ausgeführt werden konnten, wie Alphabet Symphony, Son of Man Trio von Emmett Williams. Etliche Montagen der Wiener Gruppe sind Gemeinschaftsarbeiten, nahmen zum Beispiel ein Lehrbuch der tschechischen Sprache als Material. Nicht selten gab es auch Mißverständnisse, die dann aber produktiv genutzt wurden; und besonders interessant waren, wenn sie rückübertragen wurden. Der Witze-Dichter Ernst Jandl verfertigte Zwangsübersetzungen: Den Wortlaut gesprochener englischer Wörter schrieb er als deutschen Text auf. Viel-Sprachen-Dichtung sind Hans G. Helms' triparametrische Texte, die bereits einen Mehrsprachen-Titel tragen: Fa:m Ahniesgwow, erschienen 1959. Das Material besteht aus zwei als einem Dutzend (nicht-)europäischer Sprachen – von ›freien‹ Assoziationen des Lesers/Hörers noch ganz abgesehen. Komponiert ist das Werk in den Parametern Phonematik, Graphematik und Semantik. J. M. Kraußes Dichtmaschine Poetor ist in Teil-Programmen auch für andere als die deutsche Sprache eingerichtet; er verwendete eine japanische Spielkarten-Mischmaschine. Dichtapparate von George Brecht, Universal Machines genannt, sind für prinzipiell alle möglichen Sprachen angelegt. Zur Abschaffung der Sprache hat schon Jonathan Swift interessante Vorschläge gemacht. In Objekt-Gedichten seit Ende der fünfziger Jahre wurden Dinge an die Stelle von Sprache gesetzt. Ein Gleiches geschieht in Ereignis-Gedichten etlicher Fluxus-Künstler, die Events notierten – sie konnten ebensowohl (nach-)gelesen, als Ereignis aufgeführt oder in den Aggregatzustand von Objekten dargeboten werden. ›Vor Gebrauch gut schütteln‹, empfahl Tomas Schmit für seine Gedichte in Gläsern. Eventual-Poesie nannte ich jene potentielle Dichtung, die erst vom Seher/Hörer/Leser/Zuschauer/Ausführenden ... realisiert wird oder bloßes Material bleibt. Entgegen der konservativen bis reaktionären, rückwärtsgewandten Position, die beansprucht, Geschichte gepachtet zu haben, ging es der Avantgarde ums Wachhalten von Erinnerung an historische, aber immer noch nicht erfüllte Forderungen des revolutionären Bürgertums seit 1789 über 1848 bis zur Commune 1871. In der Schrift Die Mission der Kunst und die Rolle der Künstler erhob der utopische Sozialist La-Verdant die Einheit von künstlerischer und politischer Aktion zum Programm. Ist denn die Kunst etwa Wirklichkeit geworden? Ganz gewiß – jedoch anders als im Sinne der hehren Absichten von Fluxus. Widerspruch will ich einlegen gegen eine Auffassung, die weisgemacht hat, wir lebten jenseits oder nach der Geschichte. Das Pendant ist falsche Unmittelbarkeit – vorgespiegelt wird, diese Utopie sei tatsächlich erreicht, wo es Identität gar nicht geben kann –, es sei denn, Geschichtsbewußtsein ist uns abhanden gekommen. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, landet nur in der nächsten Zelle. Aus der Geschichte kann man nicht aussteigen, ebensowenig wie aus seiner Sprache, in der ja Geschichte sedimentiert ist. Ein Gleiches gilt für die Kunst: Wir sind Teil der geschichtlichen Welt – wie könnte man einen Standpunkt jenseits der Geschichte beziehen? Wir befinden uns nicht jenseits des Schaufensters. Der Künstler steht wie wir alle mitten darin, er ist zugleich Teil und Betrachter von Geschichte, zudem bezieht er Position zur Geschichte in seiner Arbeit. In seinem wichtigen Beitrag zur verbesserung von mitteleuropa hat Oswald Wiener einen Automaten entworfen, der an die Stelle des Staates tritt und die Wirklichkeit ersetzt. Pendant und Komplement dazu: Max Stirners Programm Der Einzige und sein Eigentum wurde von Konrad Bayer zu Ende gedacht, dem früh von eigener Hand geendeten Individualanarchisten bester Güte: Bayer proklamierte den Ein-Mann-Staat. Schwierigkeiten sah er vorerst allein in der Außenpolitik. ›Seid in der Zeit! Seid statisch!‹ lautete die Devise von Jean Tinguely auf einem Flugblatt, das er über Düsseldorf aus dem Flugzeug abgeworfen hat. Nun glauben wir aber an Fortschritt nicht mehr. ›fort mit dem schritt!‹ – Tomas Schmit. Wir können ja nicht gerade behaupten, wir lebten in einer Europa-Euphorie. Vieles spricht da eine ganz andere Sprache. Kunst gilt als gesellschaftliches Gedächtnis, sinnlicher Erfahrungen und Wünsche, Hoffnungen und Forderungen, als Wertspeicher von ideellem gesellschaftlichem Reichtum. Erschreckend ist, wie wenig Ahnung, wieviel Vorurteil und unbegründete Deutung ohne Kenntnis und Wissen mit Kunst befaßte Leute haben – nicht nur unsere Twens, ob nun mit freier oder angewandter, unfreier oder abgewandter Kunst, mit Planung und Entwurf befaßt – sowohl in Bereichen von europäischer, nicht-deutscher oder gar afrikanischer, asiatischer zeitgenössischer Künste. Dem entsprechen Dumpfheit der Erfahrung oder Stumpfheit der Wahrnehmung, von Erlebnisäußerungen zu Ausdeutung und Urteil – sowohl was Zeit, Raum, Form, Gestalt, Inhalt und deren Geschichte angeht. [...]« In den sechziger Jahren stand Sauerbier mit den meisten Fluxus-Künstlern weltweit in Kontakt, es entstand ein reger Austausch, der keinen Unterschied zuließ zwischen Kunst und Alltag. Das für die Gattung Fluxus beispielhafte, für diese (Nicht-)Disziplin durchaus als typisch zu bezeichnende Projekt Revue Rendez-vous wurde, so Sauerbier in seinem gleichermaßen theoretischen wie unterhaltsamen Vor- bzw. Nachwort, »1965 begonnen, 1966 ausgeführt. Nachzügler kamen noch im folgenden Jahr. 1967 habe ich die Korrespondenz beendet. Bisher wurde das Projekt unvollständig, verstreut und in Teilen veröffentlicht, nur Auszüge und Entwürfe waren in etlichen Ausstellungen zu sehen.« Die Dokumentation dieses Korrespondenzstücks ist inzwischen unter dem Titel Revue Rendez-vous in einer beeindruckend gestalteten, haptisch-sinnlichen Ausgabe aus dem Haus der Leipziger Hochschule für Buch und Gestaltung erschienen. Achtzehn Künstler sollten seinerzeit Fragen – an sich selbst – stellen, die wiederum zu beantworten waren von anderen Fluxern; und es gab kaum einen der teilweise auch heute noch, besser vielleicht: mittlerweile am Kunstmarkt preislich hochgehandelten Artisten, der sich ihnen nicht zugehörig fühlte. Manch einer lieferte Bögen ab, die eine gedankliche Verbindung an den Fragenkatalog von Marcel Proust zulassen, der über lange Zeit von einer führenden deutschen Tageszeitung benutzt wurde, die für sich selbst damit warb, dahinter stecke immer ein kluger Kopf. Im Lauf dieser im einzelnen wie unterhaltsames Geplänkel wirkenden Korrespondenzen sandten die Künstler Sauerbier Postkarten, Briefe oder einfach nur Zettel zu, nachzulesen bzw. anzuschauen im hochwertig ausgestatteten Mittelteil des Buches. Daniel Spoerri etwa notierte auf einem winzigen Blatt: »Beweismaterial über langes Nachdenken. Bitte wegwerfen.« Oswald Wiener, Autor des legendären Buches Die Verbesserung von Mitteleuropa und in den siebziger Jahren vor der Obrigkeit nach Berlin geflüchtet, telegrammierte aus der österreichischen Hauptstadt in die seinerzeit ehemalige deutsche: »Frage: Ich bin Bundesbahnpensionist und möchte nach Ostdeutschland fahren. Wo muß ich mich hinwenden, um die mir zustehende Fahrpreisermäßigung zu erhalten.« Nonsense – aber wahrhaftiger. So fordert der Südkoreaner Nam June Paik in deutscher Sprache dazu auf, eine Partei gegen die Politik(er) zu gründen. (Inform von gar erschröcklicher Satire – siehe den Untergang des unsinkbaren Luxusdampfers namens Titanic bzw. der nach ihr benannten Zeitschrift, deren einstiger Chefredakteur Martin Sonneborn mittlerweile einen Sitz im Parlament der Europäischen Union innehat – realisiertes Utopia?) Collagen, Malereien, Typoskripte, Zeichnungen – unalltägliche Kleinodien des täglichen, immer irgendwie politischen Lebens aus einer Zeit, in der es das soziale Netzwerk, die Community auch ohne Internet längst gab. Man schickte sich eben, wie S(amuel) D(ietrich) Sauerbier diese Kommunikationsform gerne bezeichnet: »mundgemalte Postkarten«. Als eine solche, als ein eben nichtdigitales Kleinod ließe sich Revue Rendez-vouz bezeichnen. Falls trotz ergiebiger Lektüre Fragen unbeantwortet bleiben sollten, gilt zu bedenken: »Das Wichtigste an Fluxus ist, daß niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen.« Revue-Rendez-vous Korrespondenzstück Vor- bzw. Nachwort sowie biografische Hinweise in deutscher und englischer Sprache 264 Seiten, 16,7 x 24,0 cm, 4farbig, Ganzgewebeband Euro 34,00 Institut für Buchkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB), 2013 ISBN 978-3-932865-79-4 Zweitveröffentlichung nach Titel–Kulturmagazin. Eine kürzere Fassung dieses Textes ist zuerst erschienen in der Leipziger Volkszeitung vom 11.08.2014. ... link (2 Kommentare) ... comment Sonntag, 17. August 2014
petrusdrygalski
12:16h
Postfluxerische Revoluzzerei im Museum
Als Ende der siebziger Jahre Selten gehörte Musik in einer ehrwürdigen Kunstinstitution von einigen in die Jahre gekommenen Herren (wieder-)aufgeführt, genauer vielleicht: ein lange tiefgefrorenes Süppchen aufgetaut wurde, ergoß sich ein mediales Füllhorn an Beschimpfungen über die Protagonisten. Was ein solcher Klamauk denn um des lieben Himmels willen mit Kultur zu tun haben solle; das könne weg, hieße es heutzutage wohl. Und das, obwohl dieses Happening zu dieser Zeit längst Rückblick auf ein Stück Kulturgeschichte war, mit der die Wiener Aktionisten seit 1968 mächtig aufgeräumt, ihr alle erdenklichen Zöpfe abgeschnitten, ihr den Muff aus tausend Jahren aus den Talaren geblasen hatten. Es war zu dieser Zeit eher ein vergnügliches Aufgießen, das die aktionistischen Veteranen in der ehemaligen Münchner Villa des Malerfürsten Franz von Lenbach veranstalteten; jedenfalls im Vergleich zu dem, was die Urväter der österreichischen Kunstrevoluzzerei etwa zwanzig Jahre zuvor geboten hatten. Auch schmunzelte in der eher stillen Aula des Lenbachhauses, dessen damaliger Kurator, späterer künstlerischer Leiter und als Pensionist heute Hubsi Burdas Baden-Badener Vernissage-Treffpunkt der gehobenen Kunstgesellschaft dirigiert, ein längst postmodern orientiertes, geradezu universitär wissendes Auditorium, während auf der Bühne Dieter Roth Paul Renner mittels Gartenschere die Haare bis auf die Kopfhaut blutig schnitt. Anfang der sechziger Jahre nahm das Publikum teil an den ersten poetischen demonstrationen, den literarischen cabarets. „Spaß macht so richtig Spaß nur“, erinnerte der einst unter dem Pseudonym Jonas Überohr musikkritisch gefürchtete Helmut Salzinger in der Zeit, „solange die anderen sich darüber ärgern. Unverständnis, Widerspruch. Ablehnung, empörter Protest sind ein ergiebiger Quell der Inspiration für den, der es darauf angelegt hat, durch sein Tun die Umwelt in ihrer Ruhe zu stören." Kabarettistisch an diesen Veranstaltungen waren, so Salzinger, allerdings „bestenfalls die eingelegten Chansons, im übrigen aber entsprachen sie überraschend genau dem, was zur gleichen Zeit in New York erfunden wurde, dem Happening. Vorgänge sollten ausgelöst werden, in denen die Wirklichkeit sich selber agiert, zugleich Subjekt und Objekt der Demonstration ist.“ So plante man beispielsweise, „einen Zuschauer um seine Armbanduhr zu bitten, unter dem Vorwand, sie werde für einen Varietétrick benötigt. Diese sollte dann in einen Plastikbeutel gesteckt, auf einem Amboß mit kräftigen Hammerschlägen zertrümmert und dem Eigentümer mit der Entschuldigung, der Trick habe leider nicht geklappt, zurückgegeben werden. Auf dessen Reaktion wäre es dann angekommen. Gewiß, dergleichen ist terroristisch; aber gerade das, die terroristische Willkürlichkeit realer Vorgänge und Ereignisse, galt es ja zu zeigen." Salzinger bezog sich dabei auf die mittlerweile legendäre Dokumentation Die Wiener Gruppe. Zwar hatte es nach Friedrich Achleitner eine Formation unter diesem Namen nie gegeben. Dennoch sollte sie unter diesem Begriff in die Kunstgeschichte eingehen, die Gruppierung aus Wien. Doch wie sich das mit Gruppen nunmal so verhält, in der Hoch-Zeit der Formationsbildungen allemale: Es gab Groupies, Freunde, Anhänger, auch Trittbrettfahrer. Und die entwickelten, durchaus typisch wienerisch, eine gewisse Eigendynamik. Das belegen Gespräche im Umfeld von Uzzi Förster, einem bekannten Jazzmusiker und Kneipenwirt, der regelmäßig in der nicht minder legendären Wiener Bar Strohkoffer auftrat und dort auch gut und gerne Gast war; wie nahezu alles aus dieser kulturrevolutionären Metropole, das später in die kunsthistorischen Annalen eingehen sollte. Da soll im Vorfeld der Kabarett-Darbietungen ein Reporter in den Katakomben der österreichischen Hauptstadt wegen seiner „Lügen“, die er in der Illustrierten Stern verbreitet habe, vor einem „Volksgerichtshof“ zum Tode auf dem Blutgerüst verurteilt und auch einige Tage in einer entsprechenden Zelle gefangengehalten worden sein. Er kam wieder frei. Die Guillotine blieb ihm erspart. So libertär war die Revolution der Kunst dann doch. Vor nichts und niemandem machte sie halt, Ehrfurcht vor Tradiertem gehörte in den Fäkalbereich, Ironie war das Gelindeste, was der Vergangenheit passieren konnte. Doch nun befindet sich diese Vergangenheit im Museum. Die Revoluzzerei findet mittlerweile im Internet statt, das ihre Kinder gefressen hat. Yves Aubertin ... link (0 Kommentare) ... comment Freitag, 23. Mai 2014
petrusdrygalski
01:37h
Ein Versuch über die Ordnung
von Didier Calme
abgelegt: Gastbeitrag
259
Er dürfte hinlanglich bekannt sein, der vielzitierte Blick unter den Teppich, der Ungeahntes zutage fördert. Allerdings bedarf es zu diesem Behufe des Willens, ihn anzuheben. In unserem Haushalt existieren, bis auf einige Spitzendeckchen aus der Zeit des noch nicht gänzlich verarmten niederländischen Adels, deshalb sehr wenige Verdeckungs- oder auch Verhüllungsmaßnahmen, um sich nicht der Mühe unterziehen zu müssen, etwas sichtbar werden zu lassen, das wir nicht sehen möchten. Über die Zeit haben sich jedoch Surrogate entwickelt. Zwei Schreibtische stehen in unterschiedlichen Räumen unserer Wohnung. Einer dient meiner computer- und auch internetfeindlichen Gattin als Leseunterlage für aktenähnliche Zustände: es stapeln sich fein säuberlich, auch eigene, medizinische Gutachten und Untersuchungen der letzten Jahrzehnte. Als wir vor einiger Zeit die Niederlande verließen, um nach Frankreich um- bzw. rückzusiedeln, kehrten diese Anhäufungen exakt nach der zuletzt in Zwolle angelegten und präzise in mehrere Kartons zwischengelagerten Ordnung quasi zurück auf die neue Leseplatte. Sollte es ausnahmsweise vorkommen, daß ich meine Frau retournieren möchte, weil sie meine Hausarbeit mal wieder nicht ausreichend gewürdigt hat, sie mir beispielsweise vorwirft, ein aus der guten alten adeligen Zeit ihrer südholländischen Ahnen stammendes Champagnerglas mithilfe der Spülmaschine unsachgemäß gereinigt zu haben, frage ich sie, wann sie den letzten Kunstfehler verursacht habe. Ein paar Schritte und ein Griff in einen der Stapel reichen aus, um die Akte hervorzuziehen, aus der etwa neunzig Seiten lang hervorgeht, sie sei schließlich diejenige gewesen, die den irrtümlich von einem Kollegen abgetrennten Arm eines Patienten wieder angenäht habe, und zwar derartig, daß er, der ehemalige Patient, nicht nur wieder Champagner trinken könne, sondern überdies aus einem sorgfältig, von Hand gereinigten Glas. Auf meinem Schreibtisch befinden sich außer einem Computer im Sinne der Fortsetzung einer Schreibmaschine für in die Jahre gekommene freizeitdichtende Hausmänner die unterschiedlichsten Papiere; ich gehöre nämlich der Generation der frühgeburtlichen, erst spät mit dieser irritierenden Elektrik in Kontakt gekommen Internetausdrucker an, was daran liegen mag, daß ich ein mehr oder minder direkter Nachfahre Gutenbergs bin, ich also aus der papiernen Welt abstamme. Ein Großteil der abgeholzten Regenwälder dieser Erde lagert folglich auf diesem, meinem Schreibtisch. So sähe mein Schreibtisch denn auch aus, meint meine zwar auch mich, aber in erster Linie vermutlich die Ordnung liebende Gattin: wie in einem dieser neuzeitlichen oder auch -modischen Mischwaldbiotope nach deutschem Vorbild. Ich hätte mich offensichtlich zu lange unter diesen größtemteils leicht seltsamen, widersprüchlichen Menschen aufgehalten und sei deshalb kulturell völlig verbogen. In Deutschland werde nämlich mittlerweile ein Verstoß gegen diese Regel des neuen Ethikkatechismus' mit Haft nicht unter zwei Jahren, und zwar ohne Gewährung einer Bewährung geahndet; dabei handele es sich nämlich um eine schwerwiegendere Straftat als die Hinterziehung von Steuergeldern. Diese Biotope dürften nicht nur nicht betreten werden, sondern man berate seitens der deutschen Regierung, das sei ihr aus gut unterrichteten Kreisen zugetragen worden, inzwischen darüber, für solche Taten wie etwa die Entfernung herumliegenden völlig veralteten, morschen, also unbrauchbaren bzw. nicht mehr nutzbaren Gehölzes die Todesstrafe, zumindest aber das Zuchthaus wieder einzuführen. Und da es auf meinem Schreibtisch genauso aussehe wie bald in allen deutschen Wäldern, müsse sie davon ausgehen, ich fürchte mich vor derlei Strafmaßnahmen. Dann dürfe ich folglich eine bestimmte Grenze nicht mehr überschreiten. Anmerkung: Eine Fortsetzung dieser Versuchsanordnung ist beabsichtigt. ... link (0 Kommentare) ... comment |
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Diesen Link wollte ich seit Monaten hier lassen. Jetzt... by sid (2015.01.20, 01:46) Spät, aber immerhin
komme ich hier wieder rein. Da sind wir wohl eins.... by petrusdrygalski (2014.11.08, 18:18) Guten Morgen,
was für...
Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen... by wuhei (2014.11.01, 10:40) Danke, danke, danke,...
Danke, danke, danke, etwas langatmig, aber durchaus... by wuhei (2014.09.09, 11:12) @wuhei
Hihi - sehr schön....
@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat... by sid (2014.09.07, 00:49) Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige... by petrusdrygalski (2014.08.27, 11:55) Was bitte ist gegen regionale...
Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden?... by wuhei (2014.08.20, 10:29) Mir ist neu, daß...
Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein... by sid (2014.08.20, 01:34) Die Watschn hast vergessen....
Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in... by der imperialist (2014.08.19, 21:43) Wieder was gelernt -...
Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei... by sid (2014.08.19, 15:53) © (soweit nicht anders gekennzeichnet): Petrus Drygalski |
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