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Freitag, 23. Mai 2014
petrusdrygalski
01:37h
Ein Versuch über die Ordnung
von Didier Calme
abgelegt: Gastbeitrag
259
Er dürfte hinlanglich bekannt sein, der vielzitierte Blick unter den Teppich, der Ungeahntes zutage fördert. Allerdings bedarf es zu diesem Behufe des Willens, ihn anzuheben. In unserem Haushalt existieren, bis auf einige Spitzendeckchen aus der Zeit des noch nicht gänzlich verarmten niederländischen Adels, deshalb sehr wenige Verdeckungs- oder auch Verhüllungsmaßnahmen, um sich nicht der Mühe unterziehen zu müssen, etwas sichtbar werden zu lassen, das wir nicht sehen möchten. Über die Zeit haben sich jedoch Surrogate entwickelt. Zwei Schreibtische stehen in unterschiedlichen Räumen unserer Wohnung. Einer dient meiner computer- und auch internetfeindlichen Gattin als Leseunterlage für aktenähnliche Zustände: es stapeln sich fein säuberlich, auch eigene, medizinische Gutachten und Untersuchungen der letzten Jahrzehnte. Als wir vor einiger Zeit die Niederlande verließen, um nach Frankreich um- bzw. rückzusiedeln, kehrten diese Anhäufungen exakt nach der zuletzt in Zwolle angelegten und präzise in mehrere Kartons zwischengelagerten Ordnung quasi zurück auf die neue Leseplatte. Sollte es ausnahmsweise vorkommen, daß ich meine Frau retournieren möchte, weil sie meine Hausarbeit mal wieder nicht ausreichend gewürdigt hat, sie mir beispielsweise vorwirft, ein aus der guten alten adeligen Zeit ihrer südholländischen Ahnen stammendes Champagnerglas mithilfe der Spülmaschine unsachgemäß gereinigt zu haben, frage ich sie, wann sie den letzten Kunstfehler verursacht habe. Ein paar Schritte und ein Griff in einen der Stapel reichen aus, um die Akte hervorzuziehen, aus der etwa neunzig Seiten lang hervorgeht, sie sei schließlich diejenige gewesen, die den irrtümlich von einem Kollegen abgetrennten Arm eines Patienten wieder angenäht habe, und zwar derartig, daß er, der ehemalige Patient, nicht nur wieder Champagner trinken könne, sondern überdies aus einem sorgfältig, von Hand gereinigten Glas. Auf meinem Schreibtisch befinden sich außer einem Computer im Sinne der Fortsetzung einer Schreibmaschine für in die Jahre gekommene freizeitdichtende Hausmänner die unterschiedlichsten Papiere; ich gehöre nämlich der Generation der frühgeburtlichen, erst spät mit dieser irritierenden Elektrik in Kontakt gekommen Internetausdrucker an, was daran liegen mag, daß ich ein mehr oder minder direkter Nachfahre Gutenbergs bin, ich also aus der papiernen Welt abstamme. Ein Großteil der abgeholzten Regenwälder dieser Erde lagert folglich auf diesem, meinem Schreibtisch. So sähe mein Schreibtisch denn auch aus, meint meine zwar auch mich, aber in erster Linie vermutlich die Ordnung liebende Gattin: wie in einem dieser neuzeitlichen oder auch -modischen Mischwaldbiotope nach deutschem Vorbild. Ich hätte mich offensichtlich zu lange unter diesen größtemteils leicht seltsamen, widersprüchlichen Menschen aufgehalten und sei deshalb kulturell völlig verbogen. In Deutschland werde nämlich mittlerweile ein Verstoß gegen diese Regel des neuen Ethikkatechismus' mit Haft nicht unter zwei Jahren, und zwar ohne Gewährung einer Bewährung geahndet; dabei handele es sich nämlich um eine schwerwiegendere Straftat als die Hinterziehung von Steuergeldern. Diese Biotope dürften nicht nur nicht betreten werden, sondern man berate seitens der deutschen Regierung, das sei ihr aus gut unterrichteten Kreisen zugetragen worden, inzwischen darüber, für solche Taten wie etwa die Entfernung herumliegenden völlig veralteten, morschen, also unbrauchbaren bzw. nicht mehr nutzbaren Gehölzes die Todesstrafe, zumindest aber das Zuchthaus wieder einzuführen. Und da es auf meinem Schreibtisch genauso aussehe wie bald in allen deutschen Wäldern, müsse sie davon ausgehen, ich fürchte mich vor derlei Strafmaßnahmen. Dann dürfe ich folglich eine bestimmte Grenze nicht mehr überschreiten. Anmerkung: Eine Fortsetzung dieser Versuchsanordnung ist beabsichtigt. ... comment |
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Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen... by wuhei (2014.11.01, 10:40) Danke, danke, danke,...
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