pixel Kopfvögelei: Vor Ort im Tatort
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Mittwoch, 15. Oktober 2014
Vor Ort im Tatort
Nun war auch ich vor Ort am Tatort. Das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche System hat es mir durch sein Transportmittel Mediathek auch links des Rheins gestattet, unter Tage zu fahren; diese in der drangvollen Vorwärtsbewegung der deutschen Sprachentwicklung – ja, es meldet sich der ausländische (Auch-)Germanist zu Wort, der den bewahrenden Ausblick vom französischen Sprachwachtturm hin und wieder zu schätzen weiß – unsäglich dümmliche, neben dem allgemeinen öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus längst auch in der Nebenschiene Tatort heimisch gewordene Anleihe vor Ort entstammt dem Bergbau; ich bin also tief nach unten eingefahren. Normalerweise empfinde ich es nicht unbedingt als sonderlich reizvoll, mir eines dieser im üblichen routiniert abgedrehten, oftmals geradezu langweiligen föderalen ARD-Filmchen im Nachhinein ansehen zu wollen, zumal die Belangslosigkeiten häufig ausreichend beschrieben sind.

Zugestanden, den Tatort aus Münster oder den aus Kiel, die ich noch aus der Zeit kenne, die ich deutsch-tv-kulturalisiert verbrachte, empfinde ich nicht gerade als Tort gegenüber meinem Fernsehgeschmack, da habe ich durchaus ganz gerne hineingeschaut, wenn ich deren Handlungen allerdings in der Regel genauso rasch wieder vergessen habe wie die darin enthaltenen Dialoge. Dabei hat nicht eben ein geflügeltes Wort in meinem Gehirn festgemacht, das ich in abendlichem Salon-Gespräch als intellektuelles Witzchen unter Medien-Insidern auf die Reise geschickt haben müßte.

Doch nun dieser Tatort, über den ich in allen erdenklichen Medien soviel gelesen habe, der so heftig, teilweise von Zuschauern, die sich dem Stück grundsätzlich vorab verweigerten, weil sie grundsätzlich dieser Art von deutschem „Zwangsbezahlfernsehen“ ablehnend gegenüberstehen, diskutiert wurde, aus dem Gegnerschaften, ja Fronten entstanden zu sein scheinen. En garde ! Für die Gegner nehme ich Cyrano de Bergerac zuhilfe, jenen, der im Schauspiel oftmals so fade, gleichermaßen langnasig wie -atmig daherkommt wie in einem dieser altbackenenen, altbesetzten Tatorte aus dem Bereich des Häßlichen Buntfunks, der aber im (französischen) Kino in einer Art dramatisiert umgesetzt wurde, daß man Lust aufs Theater bekommen könnte.

„In Ermanglung edlern Wilds
wünsch ich, daß ein Stich dir klaffe
in der Leber oder Milz.
Schau, mein Arm, der kräftig straffe,
strebt nun, daß er dich raffe.
Daß keiner mehr begaffe.
Denn beim letzten Verse stech ich ...“

Dieses neudeutsche Tatortereignis hätte meines Erachtens im französischen Kino durchaus Bestand gehabt. Es wäre möglicherweise nicht gerade ein Renner des Cinéma geworden, aber er könnte vermutlich zumindest seine Kosten, die ohnehin nicht allzu hoch gewesen sein dürften, wieder eingespielt haben – und irgendwann anschließend noch in der Télévision nationale gesendet worden sein. Alleine das oftmals von deutschen Fernsehzuschauern kritisierte „Gequassel“ oder „Gelabere“ darin, das ich als teilweise höchst amusante, theateranmutende Spielszenen empfand, allein durch sie hätte dieser Tatort bestehen können, und zwar nicht nur dort, wo diese shakespeareschen Klassiker zur Rede kamen. Das waren auch in anderen Szenen äußerst lebendige, auch schauspielerisch gekonnt umgesetzte, dargebotene Dialoge, die jemanden wie mich durchaus begeistert haben. Die musikalischen Illustrationen, nein, effektvoll eingesetzten musikalischen symphonischen und opernartigen Randeinspielungen zurrten dieses Unterhaltungspaket fest, das meines Erachtens aus dem sonstigen Angebot für die Masse herausragte – als ob es gesondert zugestellt werden wollte.

Und überhaupt diese Perlschnur aus Zitaten. Selten habe ich bei einer fernsehdeutschen, für die Breite des Abendprogramms erdachten, geschriebenen Produktion derart schmunzelnd zugeschaut und -gehört wie bei diesem Film. Ich habe es ja nicht so mit dem Begriff „genial“, weil ich ihn für schrecklich überdehnt und deshalb für ausgeleiert halte. Doch hier mag ich ihn, der einige Male gefallen war innerhalb der Debatte, tatsächlich gelten lassen – das empfand ich tatsächlich als genial.

Insgesamt dürften mal Fernsehzuschauer auf ihre Kosten gekommen sein, deren künstlerischen Sekundäraktivitäten nicht nur darin bestehen, sich nach Feierabend aufs Sofa vors privatkanalisierte Glotzophon zu setzen, sondern die über Kinobesuche hinaus auch hin und wieder ins Musiktheater, ins Schauspiel und auch in den Konzertsaal gehen. Demnach sind die deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht nur ihrem Kulturauftrag nachgekommen, die sie verpflichten, auch Minderheiten zu bedienen, sondern haben das Kunststück fertiggebracht, das auch noch auf unterhaltende Art zu tun, und zwar in jeder Hinsicht, für eine Abendunterhaltung gar recht hochstehendem Niveau.

Nur über die Frage von Niklas Maak in der Süddeutschen Zeitung nach dem Zitat, dem Film mit dem Laserpunkt, das habe ich zwar irgendwann irgendwo im Kino gesehen, aber ich rätsele darüber noch immer. Eine Quizsendung habe ich mir also auch noch angetan. Aber ich gehe offensichtlich eindeutig zu selten ins Kino.

Didier Calme
abgelegt: Gastbeitrag 212

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