pixel Kopfvögelei: Gefühltes Denken. Differenzierung.
pixel pixel


Dienstag, 21. April 2015
Gefühltes Denken. Differenzierung.
„Was gemeinhin als 'Denken' bezeichnet wird, ist eine Fähigkeit, die evolutionsgeschichtlich recht jungen Datums ist. Der Grundstock des menschlichen Geistes ist ein emotionaler, der auch über solche Wege zum Urteilsvermögen führt, an deren Toren Wächter der Vernunft ihren Dienst schlicht verweigern.“

Jascha Jaworski
Vor einigen Wochen verblüffte mich in einem Café ein Herr, den ich aufgrund verschiedener Äußerungen eher dem patriarchalisch grundgestimmten Kreis der Einwanderer zuordnete, mit seiner außerordentlichen Begeisterung für Noam Chomsky. Das brachte mich etwas in Verwirrung, da dieser US-Amerikaner in meinen jüngeren, den sechziger und siebziger Jahren in erster Linie als linguistischer Erneuerer des legendären MIT bei mir festgemacht und er sich seither auch als Gesellschaftskritiker als Denkmal der Linken auch nicht von seinem Sockel herunterbewegt hatte. In einer Form der Ursachenforschung sah ich mich gezwungen, meine leicht sklerotisierte Denkapparatur mal wieder in Bewegung zu setzen.

Und ja, so langsam setzte sich etwas in Bewegung in meinem Denkbehältnis, von dem mal im allgemeinen einmal jemand behauptete, es sei rund, auf daß die Gedanken die Richtung ändern könnten. In Frankreich wird Chomsky wie ein Heiliger verehrt. Anläßlich einer Veranstaltung vor einiger Zeit in Paris war der Andrang groß, die fast 2000 Plätze bietende Halle war rasch gefüllt, und der das Auditorium Begrüßende meinte: Lediglich der Dalai Lama vermöge noch mehr Menschen anzuziehen.

Nun, die politische Rechte hat sich seiner bemächtigt. Das ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, daß der über achtzig Jahre alte, aus einer russisch-jüdischen Familie stammende, mittlerweile als Philosoph Gehandelte in seiner immerwährenden geharnischten Kritik an seinem Land USA unter anderem Israel als „Klientel-Staat“ bezeichnet und auch Holocaust-Leugner verteidigt. In Frankreich eint das gleichermaßen unverbesserliche Rechtsextreme und utopische Marxisten – eine Erscheinung, der Alain Finkielkraut seinen Essay über Die Zukunft einer Verneinung gewidmet hat. So langsam wurde mir deutlich, aus welcher Richtung die Chomsky-Verehrung meines griechischen Gesprächspartners wehen dürfte: Alles, was die Amis platt macht, ist nur rechtens. Da darf es ruhig von linksaußen her heftig herüberwehen. Daß Noam Chomsky eher der Anarchie, meinetwegen dem libertären Sozialismus zuzuordnen ist, ficht meinen vielleicht doch nicht so fein differenzierenden Gesprächspartner offensichtlich nicht weiter an. Gelobt sei, was hart macht.

In seinem 2000 in deutscher Sprache erschienenen Aufsatz Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft* hält Chomsky fest:

„[...] Es ist meines Erachtens vollkommen richtig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweiligen autoritären, hierarchischen und herrschaftsbestimmten Strukturen ausfindig zu machen und klar zu umreißen, und dann zu fragen, ob sie notwendig sind; wenn es keine spezielle Rechtfertigung für sie gibt, sind sie illegitim und sollten beseitigt werden, um den Spielraum der menschlichen Freiheit zu erweitern. [...] Natürlich werden damit mächtige Institutionen, die Zwang und Kontrolle ausüben, in Frage gestellt: der Staat, die keiner Rechen-schaftspflicht unterliegenden privaten Tyranneien, die den größten Teil der einheimischen und internationalen Wirtschaft kontrollieren und andere, ähnliche Institutionen.[...]“

Didier Calme

*Noam Chomsky: Anarchismus, Marxismus und Hoffnungen für die Zukunft, in: Die Politische Ökonomie der Menschenrechte, Trotzdem Verlag 2000, hier S. 172
abgelegt: Gastbeitrag 211

... comment


pixel pixel




Die Kopfvögelei wird betrieben seit 4484 Tagen. Letzte Aktualisierung: 01.07.2015, 22:41



... Aktuelle Seite
... Inhaltsverzeichnis
... Themen
... Über-Ich: Köpfvögelei
... Blogger.de
... Spenden



Du bist nicht angemeldet ... anmelden

Suche:

 


Letzte Kommentare:

Diesen Link wollte ich...
Diesen Link wollte ich seit Monaten hier lassen. Jetzt...
by sid (2015.01.20, 01:46)
Spät, aber immerhin
komme ich hier wieder rein. Da sind wir wohl eins....
by petrusdrygalski (2014.11.08, 18:18)
Guten Morgen, was für...
Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen...
by wuhei (2014.11.01, 10:40)
Danke, danke, danke,...
Danke, danke, danke, etwas langatmig, aber durchaus...
by wuhei (2014.09.09, 11:12)
@wuhei Hihi - sehr schön....
@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat...
by sid (2014.09.07, 00:49)
Der Autor,
Didier Calme, ist vor Absch(l)uß des zweiten...
by petrusdrygalski (2014.09.06, 19:38)
Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige...
by petrusdrygalski (2014.08.27, 11:55)
Was bitte ist gegen regionale...
Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden?...
by wuhei (2014.08.20, 10:29)
Mir ist neu, daß...
Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein...
by sid (2014.08.20, 01:34)
Die Watschn hast vergessen....
Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in...
by der imperialist (2014.08.19, 21:43)
Wieder was gelernt -...
Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei...
by sid (2014.08.19, 15:53)






© (soweit nicht anders gekennzeichnet): Petrus Drygalski





pixel pixel
Du bist nicht angemeldet ... anmelden

Layout dieses Weblogs basierend auf Großbloggbaumeister 2.2

pixel pixel