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Freitag, 1. Mai 2015
petrusdrygalski
08:30h
Vanitas
„[...] Es ging ziemlich lebhaft zu zwischen den Rosenbeeten an diesem Tag, als würden viele Menschen den goldenen Oktobertag zum letzten Besuch der Klanginstallation nutzen. Beim Rundgang fiel uns auf, wie sehr sich all die Lieder in ihren Inhalten ähnlich waren. Ob Portugal, England, Ukraine, Türkei, Finnland, Bosnien oder Kurdistan – die Rose hat immer mit Liebe und Herzschmerz, Sehnsucht und Schönheit zu tun. Und mit dem Tod. Nach den Rosen gingen wir noch zum Kräutergarten mit den Pflanzen zum Anfassen, wo kleine Metalltafeln in Blindenschrift angebracht sind. Man kann die Kräuter berühren, die Finger an die Nase halten und ihren Geruch erschnüffeln. Schließlich schauten wir uns noch die vielen gleich großen Zöglinge in der Baumschule an. Wie Schulklassen waren sie nach Jahrgängen getrennt. Hier werden die Ersatzbäume gezüchtet, für die Artgenossen, die in den letzten Jahren der Luftverpestung zum Opfer gefallen sind. Jedes Kind weiß, daß Bäume die Luft verbessern, und den asphaltierten, gepflasterten und betonierten Großstadtboden im Sommer kühlen. Es dauert Jahrzehnte, bis die Baumkronen der Ersatzbäume so groß gewachsen sind, daß sie genau so viel Schadstoffe aus der Luft filtern wie alte Bäume Zum Abschluß gingen wir noch in den Garten der einheimischen Giftpflanzen, der durch einen Zaun und eine Tür vom restlichen Gelände abgetrennt ist. Ein großes Schild am Eingang warnt davor, Kinder unbeaufsichtigt in den Garten zu lassen. Bei jedem Baum und Strauch stehen auf kleinen Schildern die Wirkungen und die tödliche Dosis. Als wir hinausgingen, winkte mir jemand von der anderen Seite einer Besuchergruppe zu, die gerade eifrig hinter einem Führer herlief. Wir mußten warten, bis sie vorbei waren, dann kam der Typ herüber. Ich habe ihn zunächst nicht erkannt, doch beim Näherkommen fiel bei mir der Groschen: der Ben. Mein alter Schulfreund hatte Zeit seines Lebens zu den schlanken Männergestalten gehört. Jetzt kam ein älterer Typ mit rundem Gesicht, ausgeprägtem Doppelkinn und dickem Bauch auf mich zu. Es war bestimmt gut ein Jahr her, daß wir uns zum letzten Mal über den Weg gelaufen waren, und in der Zwischenzeit hatte er offenbar ganz schön zugenommen. Heh, Alter, kennst mich wohl nimmer? begrüßte er mich. Wir umarmten uns. Lange nicht gesehen. Kann man wohl sagen. Wie geht’s dir? fragte ich. Na ja, du siehst ja, ich bin dick geworden. Weniger essen, mehr Bewegung. Er sah mich an, als hätte ich mit meinem banalen Sprüchlein einen sehr unpassenden Witz gemacht. Wäre schön, wenn’s so einfach wäre. Aber ich habe Lungenkrebs und einen Gehirntumor, und was du da siehst, ist die Nebenwirkung der Medikamente. Dann herrschte Stille. Ich war erst einmal sprachlos, ich konnte nicht glauben, was ich da eben gehört habe. Du hast was? Er wiederholte es, und ich kam mir vor wie im Schockzustand. Ich kannte ihn, seit wir elf und zwölf Jahre alt waren, durch Schulzeit, Studium, Heiraten, Kinder, Scheidung, zweite Ehe, noch mehr Kinder, Scheidung, Alleinleben. Wir waren den größten Teil unserer gemeinsamen Jahre in der Stadt in Verbindung geblieben. In letzter Zeit waren die Treffen seltener geworden. Er ging in andere Kneipen als ich. Wir haben noch eine Weile geplaudert, auf dem Kiesweg vor den einheimischen Giftpflanzen. Er versuchte, gelassen zu klingen. Er erzählte, daß er bei einer Autofahrt plötzlich an die Seite fahren mußte, weil er Sehstörungen hatte. Das war vor zwei Monaten. Der Arzt tippte erst auf Migräne, zwei Tage später kam der Radiologe auf die deprimierende Wahrheit. Ich kann nicht mehr Auto fahren, deshalb geh ich immer hierher in den Rosengarten, ist ein schöner Spaziergang von meiner Wohnung aus. Schad’, daß die Klanginstallation jetzt bald abgebaut wird. Ich fragte, ob die Therapie was bringt. Bis jetzt vor allem Nebenwirkungen. Aber ich nehme mal an, das ist ein deutlicher Hinweis, daß sie auch Wirkungen hat. Es war Galgenhumor. Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Es sollte das letzte Mal sein. Ich ruf dich an. Wie so oft war das nur so dahingesagt, die Ankündigung blieb ohne Folgen. Vier Wochen später war er tot. Ich erfuhr es von seiner Tochter per E-Mail. Ich habe sie angerufen und ihr erzählt, daß wir uns noch im Rosengarten gesehen hatten. Ja, da war er oft in der letzten Zeit. Es war einer seiner liebsten Orte in der Stadt. Er hat wohl von den Rosen Abschied nehmen wollen. Abschied von Liebe und Herzschmerz, Sehnsucht und Schönheit. Abgeschnitten und in die Vase gestellt, erblühen die Rosen zu ihrer schönsten Form und sterben dann vor unseren Augen." Aus dem langen Brief eines Freundes an mich, mit der einstigen Bitte um meine Meinung. Er wurde später Bestandteil eines Manuskriptes für ein Buch: Schönheit und Tod. Der Freund des Freundes war, nicht seit der Schulzeit, aber immerhin über zwei Jahrzehnte lang, ebenso mein Freund. Uns beide, der erstgenannte und Autor dieses Briefes, und mich einte unter anderem die Vorliebe für verwelkte Rosen. Mittlerweile ist auch er tot. Gestorben ist er an Krebs. Didier Calme ... comment |
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Diesen Link wollte ich seit Monaten hier lassen. Jetzt... by sid (2015.01.20, 01:46) Spät, aber immerhin
komme ich hier wieder rein. Da sind wir wohl eins.... by petrusdrygalski (2014.11.08, 18:18) Guten Morgen,
was für...
Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen... by wuhei (2014.11.01, 10:40) Danke, danke, danke,...
Danke, danke, danke, etwas langatmig, aber durchaus... by wuhei (2014.09.09, 11:12) @wuhei
Hihi - sehr schön....
@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat... by sid (2014.09.07, 00:49) Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige... by petrusdrygalski (2014.08.27, 11:55) Was bitte ist gegen regionale...
Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden?... by wuhei (2014.08.20, 10:29) Mir ist neu, daß...
Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein... by sid (2014.08.20, 01:34) Die Watschn hast vergessen....
Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in... by der imperialist (2014.08.19, 21:43) Wieder was gelernt -...
Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei... by sid (2014.08.19, 15:53) © (soweit nicht anders gekennzeichnet): Petrus Drygalski |
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