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Mittwoch, 12. März 2014
Wahrheit und Wirklichkeit
Wer weiß, ob die, nenne ich sie einmal vereinheitlichend so, Verfassungsgerichte der links- und auch der rechtsrheinischen Seite, wenn nicht gar der oberste europäische Hof eines Tages noch angerufen werden müssen, um Begriffe wie Realität, Wirklichkeit und Virtualität, deren Unterschiede definitiv zu klären. Dem heutigen umgangssprachlichen Gebrauch nach scheint alles virtuell, das zwar nicht existent, aber vorstellbar ist. Zur sogenannten Wirklichkeit erklärt wird all das, was geschieht, dazu zählt man auch gerne die Realität. Beide Begriffe existierten in dem nicht, das unter der Welt der Vorstellungen zu subsumieren ist. Viele Menschen gehen darin so weit, anderen vorzuwerfen, eine andere Identität angenommen zu haben; das sei Lüge und deshalb unzulässig, da nicht der Wirklichkeit, von manchen auch als Wahrheit bezeichnet, entsprechend

Ich sehe diesen Vorgang, vorsichtig ausgedrückt, eher als eine Annäherung an eine eventuelle, noch zu ergründende Wahrheit, die aus den unterschiedlichsten Vorgaben beispielsweise durch Erziehung und später entstehender, so sie denn je stattfindet, eigener Wahrnehmungsfähigkeit sich zu bilden vermag.

Die Freude am Rätselhaften spielt bei mir darüber hinaus eine weitere, nicht ganz unbedeutende Rolle in diesem Spiel beinahe literarischen oder auch theatralischen Charakters. So gaben wir einander uns das, was einst (und dort glücklicherweise zumindest teilweise noch) im Französischen Nom de Plume, im Deutschen weniger geheimnisvoll Pseudonym genannt wurde; mit dem zur Anglisierung tendierenden Internet wurde daraus internationalisierend die recht profane Bezeichnung Nick name. Was für eine bedauerlich schlichte Bezeichnung für Menschen, die, wie in unseren Fällen, nicht nur aus zwei, sondern aus mehreren Ichen bestehen.

Einen Hintergrund des Hiesigen bildet dabei ebendiese sogenannte Realität bzw. Wirklichkeit, die, je nach Sichtweise, sich so unterschiedlich darstellt. Vor einiger Zeit flammte in einem Blog bis hinein in andere literarische Kladden eine teilweise heftige Diskussion darüber auf, wie weit eine Autorin, ein Autor das tatsächlich Geschehene verfremden oder gar verändern dürfe; nachklappend angerissen hier, in: Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.

Was bedeutet denn diese Realität, die auch als Wirklichkeit bezeichnet wird? Was schlägt in ihr als Identität zubuche? Die Thematik ist so alt wie die Erzählung, die Mythologie. Ein französischer Dichter stellte einst fest, er, Ich ist ein anderer. Andere sind darüber hinaus weitere Persönlichkeiten. Das Internet hat es zudem erleichtert, Persönlichkeiten nicht nur entstehen, sondern sich schlüßlich, nicht etwa (letzt-)endlich entfalten zu lassen. Manche Kollegen dieses französischen Durchkuckers aus dem 19. Jahrhundert beriefen sich anschließend einmal mehr auf die Literatur, die nichts anderes täte, als unterschiedliche Leben und damit Identitäten zu beschreiben, und schlossen daraus: das wirkliche Leben erweise sich oftmals als noch irrealer als die Literatur. Oder begeben wir uns wieder zurück ins Internet, in die sogenannten sozialen Netzwerke: Was ist das denn anderes als Theater? Also bisweilen durchaus vergnügliches Rollenspiel. Möglicherweise, hielt ein anderer Autor fest, sei es das Leben selbst, das in seiner Vielfalt weitaus phantastischer daherkomme als die Literatur, Das Leben ist ein Roman, das machten die Romantiker zu ihrem Motto, ebenso: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst.

»Die Zufälligkeit und Absurdität der Wirklichkeit bekommen einen Sinn«, schreibt Antonio Tabucchi in Die Autobiographien der Anderen, im Kapitel Ein Universum in einer Silbe, »wenn man dem Subjekt vor Augen führt, daß die Wirklichkeit etwas Vorherbestimmtes, sein ›persönliches Schicksal‹ ist. Im zweiten Fall hingegen, beispielsweise beim Spruch des Orakels im antiken Griechenland, bleibt das ›bedeutungsvolle Bild ein geheimnisvolles Zeichen, dessen Sinn erst viel zu spät verstanden wird‹ (Giordana Charuty.) Wie Roger Caillois hervorhebt, erwartet man, daß das später eintretende Ereignis ›den Traum erfüllt‹, es ist dem Traum verpflichtet, den es ›bedingt‹.
...
Ob die Träume nun alles bedeuten (Freud) oder nichts (Caillois: Aber auch das ist eine Deutung), ob sie unsere Innenwelt widerspiegeln oder einer›'anderen‹ Dimension angehören, die Literatur erzählt von ihnen und bietet sie ihren Traumdeutern an, uns allen, den Lesern.«

A. T., S. 26 f.
abgelegt: Ichen-Suche 229

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