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Samstag, 18. Oktober 2014
Eine Sprache

Babel – balal

„Alle Welt hatte nur eine Sprache und dieselben Laute. Als man vom Osten her aufbrach, fand man im Lande Sinear[1] eine Ebene und wohnte daselbst. Sie sprachen zueinander: 'Wohlan, laßt uns Ziegel streichen und sie hart brennen!' Und es diente ihnen der Ziegel als Stein, und das Erdpech diente ihnen als Mörtel. Dann riefen sie: 'Auf! Laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht. Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir nicht in alle Welt zerstreut werden.' Jahwe aber fuhr herab, um sich die Stadt und den Turm, den sich die Menschen erbaut hatten, anzuschauen. Jahwe sprach: 'Siehe, sie sind ein Volk, und nur eine Sprache haben sie alle; das ist aber erst der Anfang ihres Tuns. Nichts von dem, was sie vorhaben, wird ihnen unmöglich sein. Wohlan, laßt uns hinabsteigen! Wir wollen dort ihre Sprache verwirren, daß keiner mehr die Rede des andern versteht.' Und Jahwe zerstreute sie von da aus über die ganze Erde hin; sie hörten mit dem Städtebau auf. Darum heißt die Stadt 'Babel' [2]; denn dort hat Jahwe die Sprache der ganzen Welt verwirrt, und von da aus hat er sie über die ganze Erde hin zerstreut.“ (I Mose 11, 1 - 9)

1 Sinear ist die Bezeichnung für Babylonien.
2 Babel heißt vermutlich „Tor Gottes“; hebräische Ohren hörten aus dem Namen das Wort balal = „verwirren, vermengen“ heraus.

Aus: Altes Testament. Einführungen. Texte. Kommentare. Hrsg. v. Hanns-Martin Lutz †, Hermann Timm, Eike Christian Hirsch. Mit einer Einleitung von Gerhard von Rad. Neuausgabe 1977, 2. Aufl., 8. - 12. T. 1977, R. Piper-Verlag, München 1977


Glückliches Babel

„Man denke sich einen Menschen (einen umgekehrten Monsieur Teste), der alle Klassenbarrieren, alle Ausschließlichkeiten bei sich niederreißt, nicht aus Synkretismus, sondern nur um jenes alte Gespenst abzuschütteln: den logischen Widerspruch; einen Menschen, der alle Sprachen miteinander vermengt, mögen sie auch als unvereinbar gelten; der stumm erträgt, daß man ihn des Illogismus, der Treulosigkeit zeiht; der sich nicht beirren läßt von der sokratischen Ironie (den anderen zur äußersten Schande treiben; sich zu widersprechen) und vom Gesetzesterror (wie viele strafrechtliche Beweise fußen auf einer Psychologie der Einheit!). Ein solcher Mensch wäre der Abschaum unserer Gesellschaft: Gericht, Schule, Irrenhaus und Konversation würden ihn zum Außenseiter machen: wer erträgt schon ohne Scham, sich zu widersprechen? Nun, dieser Antiheld existiert: es ist der Leser eines Textes in dem Moment, da er Lust empfindet. Der alte biblische Mythos kehrt sich um, die Verwirrung der Sprachen ist keine Strafe mehr, das Subjekt gelangt zur Wollust durch die Kohabitation der Sprachen, die nebeneinander arbeiten: der Text der Lust, das ist das glückliche Babel.”

Roland Barthes

Aus: Die Lust am Text (Le plaisir du texte), aus dem Französischen von Traugott König, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1974, S. 8
abgelegt: Mythologie 328

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Donnerstag, 8. Mai 2014
Wurzel des Gutmenschentums?
Jean-Jaques Rousseau, der seit langem verweste Leichnam in der Ruhmeshalle des Pariser Pantheon. Zu meiner Zeit als Studiosus galt er als Vordenker der Aufklärung, seine Schriften waren als beispielgebend im Umlauf, und dabei ist es vielfach bis heute geblieben. Noch Mitte der neunziger Jahre versuchte ein Freund mir bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit dessen Thesen einzubleuen, und als ihm dies nicht gelang, veröffentlichte er quasi aus Trotz einen hymnischen Essay mit Missionscharakter auf ihn.

Dabei war Rousseau geistiger Urahn des Totalitären. Der Historiker Philipp Blom ist überzeugt: Rousseau ebnete den Weg für die Unterdrückung des Menschen im Namen des 'Guten'; das erklärte vielleicht die leicht seltsame Formulierung 'Gutmensch'. Rousseau sei wichtig gewesen für Diktatoren, meint Blom. Er sei die Vorlage gewesen "für die Legitimisierung des Stalinismus von Robespierre, von Pol Pot. Sie haben ihn alle verehrt und gelesen". Jean-Jaques Rousseau war alles andere als ein Menschenfreund - wie er etwa noch mir bereits fortgeschrittenem Studenten in der späteren Heimat Calvins noch präsentiert worden war: gar als Vorbild für die Erziehung von Kindern -, sondern ein Feind der menschlichen Freiheit, und das alles im Namen der Aufklärung, meint Blom. Endlich hat's mal jemand gemeint.

Blom urteilt heftig über Rousseau. Um die ideale Gesellschaft zu schaffen, dürfe der Staat auch Zwang anwenden, erkennt der Historiker bei den Aussagen dieses französischen Philosophen. Blom führt all das auf die tiefe Religiösität Rousseaus zurück, der ohnehin auf ein besseres Leben nach dem Tod hoffte; wobei nicht außeracht gelassen werden darf, daß viele, wenn nicht gar die meisten Aufklärer sich immer wieder auf Gott beriefen. Der aufklärerische Philosoph und Gesellschaftserneuerer Rousseau war laut Blom hart gegen sich selbst und nicht minder im Umgang mit dem Bourgois, den er sich für eine bzw. in einer besseren Welt wünschte. Bestandteil dieser Theorie war laut Blom: "Er hat seinen Körper und die Sexualität gehaßt. [...] Er wollte eine autoritäre Regierung. Er hat diese Dinge ihres christlichen Vokabulars entkleidet. Deswegen konnte man im 19. Jahrhundert mit Rousseau wunderbar eine autoritäre Gesellschaft im Namen der Freiheit denken." Und manche tun das noch heute: aufklären mit Hilfe des lieben Gottes.


Besprechungen: Böse Philsosophen
abgelegt: Mythologie 271

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Samstag, 8. März 2014
Vom Weg abgekommen

Bildquelle: Wikimedia

Der Beginn einer Auseinandersetzung mit Mythologien, bis hin nach Uruk, der sumerischen Großtadt und Heimat des Königs Gilgamesch, dem ersten Epos der Weltliteratur, von dem Homer verdächtigt wird, aus ihm abgeschrieben zu haben. Wird fortgesetzt.

Im achtzehnten Jahrhundert ging man davon aus, daß Buddha ein aus Afrika nach Indien eingewanderter, bei den alten Ägyptern ausgebildeter Weiser gewesen sei: «[...] qu'il se donna pour un autre Hermès, pour un nouveau législateur, et qu'il enseigna à ces peuples non seulement la doctrine hiéroglyphique des Egyptiens, mais encore leur doctrine mystérieuse. [...]»1 Es gibt einen Hinweis darauf, die Bilder von Buddha seien wie «un visage éthiopien et les cheveux crépus». Dann sind wir mit einem mal beinahe in der Geographie der schönen Jeminitinnen. Auch wird die Buddha-Lehre mit der jüdischen Kabbala und der En-Soph-Lehre verglichen, diese Lehre vom Infiniten, vom Unendlichen. Und diese Diskussion über den ägyptischen oder indischen Ursprung der Philosophie zieht sich hinein bis weit in das 19. Jahrhundert.2 Die ganze Industrie der Esoterik, im Ursprung mal geheimes Wissen, schürt dieses Feuer des Glaubens, um daran Geld zu verdienen. Fakten interessieren nicht. Der Wissenschaftstheoretiker Lutz Geldsetzer schreibt:

»Die spürbare Verunsicherung in den eigenen abendländischen Traditionen stimuliert ein weites populäres Interesse an allem Fremd- und Andersartigen. Dem weltüberspannenden Tourismus entspricht ein geistiger und stimmungsmäßiger Tourismus mit Neugier und viel gutem Willen zur Kenntnisnahme und zum Einleben in exotische Verhältnisse. Ersichtlich kommt dem in Indien und bei seinen geistigen Repräsentanten eine recht missionarische Kulturpropaganda entgegen, die mit modernen Werbetechniken einstige und auch noch andauernde christliche Missionstätigkeit in umgekehrter Richtung beantwortet.

Die Unzufriedenheit mit dem herrschenden realistischen Weltbild, der Verwissenschaftlichung aller Lebensverhältnisse und der Technisierung der Welt im Westen insgesamt motiviert zur Suche nach der Alternative zu alledem. Diese Alternative wird ersichtlich weniger in den eigenen in den Hintergrund gedrängten Traditionen des Idealismus, des ‹einfachen Lebens› und der ‹Nachfolge Christi› oder eines Franz von Assisi, und des handwerklichen und künstlerischen Umgangs mit den Dingen und der Natur gesucht, als vielmehr in meditativer Versenkung in höhere Regionen oder tiefere Schichten des Bewußtseins, in der Verweigerung gegenüber den Ansprüchen des Herkömmlichen oder in der schieren Untätigkeit, wozu indische Philosophie und brahmanische Weisheit frustrierte Abendländer einzuladen scheint«3

1 Engelbert Kämpfer, Geschichte und Beschreibung von Japan, hrsg. v. Chr. W. Dohm, Lemgo 1777-1779, zuerst London 1727, französisch La Haye 1729, p 130; Lutz Geldsetzer: Die klassische indische Philosophie (1999)
2 Lutz Geldsetzer, ibd.
3 ibd.
abgelegt: Mythologie 234

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