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Dienstag, 1. April 2014
petrusdrygalski
19:24h
Theaterverhunzer
In der Schauspielerei war ich mal wieder, nach längerer Zeit. Jener Dramatiker ward gegeben, der in Weimar neben Goethe durch die Bäume schillert: dessen berühmtes Spiel um Intrigen und Liebe, heutzutage so aktuell wie zu Räubers Zeiten. Man möchte die Kinder Karriere machen lassen. Und das funktioniert nunmal, abgeschaffter Adel hin oder her, am ehesten wie bei Hofe – Schuster, bleib' bei deinen Leisten oder gleich gleich gleich und gleich gesellt sich gern –, und wer hinauf will, tut sich am besten mit der nächsthöheren Klasse zusammen. Es ergab sich eine Debatte mit einem Freund, als Historiker spezialisiert auf den Adel eines zurückliegenden Jahrhunderts, der annahm, ich trauerte der guten alten Zeit nach und wolle hoch hinaus. Ich entgegnete: Welche soll das heutzutage sein: Deutschlands erste Nationalschaubühne? Die aus der Zeit, als ich noch nicht Theatersenior war, ward zu Recht so genannt. Das war junges, erneuerndes, nein, dabei handelte es sich um neues Theater; und ich fühlte mich dennoch darin nicht wie ein hibbeliger Teenager, für den ein paar Gags eingebaut und für den beispielsweise Schillers oder sonstwems Sprache ins Verständliche umgestrickt worden waren, auf daß es wenigstens etwas zum Lachen gab, wenn der Stoff schon so traurig war, sondern ich fühlte mich ernstgenommen, weil man mir, ohne übermäßige dramaturgische Eingriffe, also lediglich mittels einiger Striche, unter Beibehaltung der Ursprache über ungewohnte Bilder neue Sichtweisen aufzeigte. Doch solches gab es nicht nur bei diesen Insulanern. Da gab es Hamburg ff, in München ließ Peter Zadek seine Truppe gar im Zirkuszelt auftreten, und dennoch waren es keine Trapeznummern mit Flitter auf den Kostümen, auch in der sogenannten Provinz wie etwa in Moers spielte man auf, daß der Eindruck entstehen konnte, Molière sei auferstanden und habe seinen Thespiskarren persönlich über die Dörfer gezogen. In Heidelberg begeisterte mich David Mouchtar-Samurai mit einem Schiller mal derart, daß ich das in fast der gesamten Republik via Äther zu verkünden gezwungen sah. Es war eine Art Mut zum Volkstheater: prall und vital und bilderreich, und dennoch dezidiert und, vor allem, immer in der alten Sprache bleibend. Theater, so klärte Ruth Drexel in einer beinahe heftigen Debatte mit dem seinerzeitigen frankfurtmainischen Intendanten Günther Rühle, der gerade von der FAZ-Theaterkritik in die Praxis desertiert war, mal auf, sei für niemanden anderen bestimmt als fürs Volk, und es stamme auch von ihm. Gut, die Rampensau war eliminiert worden. Dieser Hamlet, den wir etwa aus Ernst Lubitschs Film Sein oder Nichtsein kennen, bei dem man nur aufstehen und zur Liebe gehen konnte, der war erdolcht worden. Georg Hensel und andere wollten ihn, so mein Eindruck, wiederbelebt haben. Deshalb krakeelte er stellvertretend Wider die Theaterverhunzer. Dessen Bücher befinden sich, anscheinend als Omas und Opas Rezepturen, noch immer in Umlauf. Und was geschieht an den Stadt- und Staatstheatern? Man peppt die Bilder auf, vor allem bastelt man an den Sprachen herum, verhunzt sie dramaturgisch. Nur nennt man das nicht mehr Regietheater. Aber ein, nenne ich Theatersenior das mal so, Bildungserlebnis empfinde ich dabei nicht. Und ob die Jungen, die man vermutlich nach curricularen Vorgaben zu diesem Theatergang verdonnert hat, nun die schillersche Sprache kennengelernt haben, daran habe ich meine Zweifel. Doch möglicherweise verhält es sich tatsächlich so, wie meine Gattin es fragend geäußert hat: Ob die Jungen Schillers Wörter und Worte, dessen Sätze nicht mehr verstehen? Ich kann die Frage nicht beantworten, wahrscheinlich bin ich zu alt dazu, und vielleicht auch zu verbildet. Ich will hier nicht allzu sehr herumposaunen, denn ich muß gestehen: Allzu häufig war ich in letzter Zeit nicht im Schauspiel. Mir fehlte im Lauf der Jahre an den (städtischen) Bühnen der Elan, den ich in den Siebzigern und auch noch in den Achtzigern über das dann geschaßte Verhunzungstheater erlebte. Seither gehe ich alternder Liebhaber des Schauspiels fremd und gebe dem Musiktheater den Vorzug; möglicherweise ist das ein Seniorensymptom. Denn dabei kann ich, der ich ohnehin nicht mehr richtig kucken kann, die Augen schließen, wenn mir die Bilder nicht gefallen, und ich habe immer noch den Gesang und den Klang der ihn begleitenden Instrumente. Und die Libretti stricken sie in der Regel nicht um. Ja, ich bin wohl ein alter Genießer geworden: Alter Wein und junge Frauen oder so. ... link (0 Kommentare) ... comment |
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komme ich hier wieder rein. Da sind wir wohl eins.... by petrusdrygalski (2014.11.08, 18:18) Guten Morgen,
was für...
Guten Morgen, was für ein Gott, der keine anderen... by wuhei (2014.11.01, 10:40) Danke, danke, danke,...
Danke, danke, danke, etwas langatmig, aber durchaus... by wuhei (2014.09.09, 11:12) @wuhei
Hihi - sehr schön....
@wuhei Hihi - sehr schön. Der Schanigarten hat... by sid (2014.09.07, 00:49) Um Entschuldigung
bittet der der österreichischen Dialekte ohnmächtige... by petrusdrygalski (2014.08.27, 11:55) Was bitte ist gegen regionale...
Was bitte ist gegen regionale Bezeichnung einzuwenden?... by wuhei (2014.08.20, 10:29) Mir ist neu, daß...
Mir ist neu, daß die Watschen etwas mit dem Küchenlatein... by sid (2014.08.20, 01:34) Die Watschn hast vergessen....
Die Watschn hast vergessen. Und ein Reindling ist in... by der imperialist (2014.08.19, 21:43) Wieder was gelernt -...
Wieder was gelernt - Klacheln kannte ich nicht. Bei... by sid (2014.08.19, 15:53) © (soweit nicht anders gekennzeichnet): Petrus Drygalski |
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